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Die Statistik und die Realität
Weil die Regierung Erfolge braucht, trickst sie mit den Arbeitsmarktdaten
14.3.2004 - Sead Husic
- Freitag, Die Ost-West-Wochenzeitung - Es ist schon beeindruckend,
diesem vitalen Mann zuzuschauen: Schlank im dunklen Zweireiher steht er da
vorn am Rednerpult im Saal des Berliner Ludwig-Erhard-Hauses und malt seine
"Visionen" von einer Gesellschaft in Deutschland in die Luft, die
praktisch keine Arbeitslosen mehr hat, jedoch eine "enorm"
wachsende Wirtschaft und "boomende Innovationsindustrie". Dann
lupft er lässig einige Worte in den Saal, wie
"Wissensgesellschaft" und "internationale Entwicklung".
Das Publikum, überwiegend Unternehmer, scheint verzaubert und hängt an den
Lippen des Redners. In solchen Momenten ist der Mann am Pult in seinem
Element und empfängt den Applaus mit der Geste eines Stars. "Danke,
zuviel der Ehre", soll die hochgereckte Hand dann wohl signalisieren.
Wolfgang Clement (64) will gute Stimmung verbreiten und zeigen, dass die
weiter im Abschwung begriffene rot-grüne Regierung noch alles zum Guten
wenden werde - dank seiner nicht zuletzt.
Vor allem bei der Arbeitslosigkeit verspricht Clement für Besserung zu
sorgen und schönt mit statistischen Tricksereien die Realität: Derzeit
sind laut Bundesagentur 4,63 Millionen Menschen ohne Beschäftigungsverhältnis
- verglichen mit dem Stand vor einem Jahr etwa 70.000 Personen weniger.
Clement spricht von "deutlichen Signalen", die zeigten, dass es
"aufwärts gehe" und dass "ein Ende der ansteigenden
Arbeitslosigkeit erreicht" sei. Der Supermann hält stur Kurs und will
von der Erfolglosigkeit von Personalservice-Agenturen (PSA) und Ich-AGs, von
Bundesagentur und Hartz I, II, III und IV nichts hören. Stattdessen unterhält
er eine PR-Maschine, die das Bild einer zupackenden Regierung zeichnen soll,
die den Menschen hilft. "Teamarbeit für Deutschland", nennt sich
die Werbestrategie des Bundeswirtschaftsministeriums (Freitag 35/
2003). Zugleich wird - eher im Verborgenen - viel getan, die Nürnberger
Statistik zu frisieren. Systematisch drängen die Agenturen Arbeitslose aus
dem Vermittlungsprozess, um erfolgreicher auszusehen. So produzieren
Vermittler systematisch Meldeversäumnisse, um die "Kunden" dann
loszuwerden. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärt ein
Agenturvermittler die Taktik: "Die Vorladungstermine kann man auch auf
den Nachmittag oder - zwischen Feiertag und Wochenende - auf Brückentage
verlegen ... Da ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Arbeitslose die
Meldung versäumen." Nach und nach kippen die professionellen
Jobagenten ihre "Klienten" aus den Statistiken - zur Freude der
Bundesagentur und des zuständigen Bundesministers.
Doch das allein reicht letzterem offenbar nicht. In der Bundesagentur suchen
Mitarbeiter nach Möglichkeiten, Erwerbslose nicht mehr in den offiziellen
Erhebungen aufführen zu müssen. Seit Beginn des Jahres erfasst die
Bundesagentur keine Arbeitslosen mehr, die von einer Agentur
"trainiert" werden, ganz gleich ob für einen neuen Job oder in
Bewerbungsseminaren. Ergebnis: 81.100 Arbeitssuchende verschwanden aus der
Statistik, seit langem schon zählen mehr als 330.000 Personen, die in
Weiterbildungskursen, Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen
stecken, nicht mehr zum Heer der in bezahlte Beschäftigung zu vermittelnden
Menschen.
Experten mahnen mittlerweile zur Vorsicht beim Gebrauch der
Erwerbslosenzahlen. Würden die gleichen Maßstäbe angewandt wie noch im
Vorjahr, läge die aktuelle Februar-Arbeitslosenzahl bei 4,7 Millionen und
damit beim gleichen Stand wie im Februar 2003. Fachleute behaupten sogar: Wären
sämtliche Änderungen bei der Erfassung berücksichtigt worden, gäbe es im
Februar 1.700 Arbeitslose mehr als vor einem Jahr. Unter Herausrechnung der
jahreszeitlichen Einflüsse stieg die Arbeitslosenzahl sogar deutlich um
26.000. Analysten großer Investmenthäuser hatten einen Rückgang um 10.000
erwartet. Auf dem Arbeitsmarkt gebe es keine Besserung, "auch wenn das
die offiziellen Arbeitsmarktzahlen sagen", analysiert die Volkwirtin
der Commerzbank Elisabeth Andrae.
Clement jedoch zeigt sich unbeeindruckt. Er sehe, dass die Situation besser
werde, meint er gegenüber den verdutzt dreinblickenden Journalisten zu den
aktuellen Arbeitsmarktdaten. Kaltschnäuzig verweist er darauf, das die
Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Februar vorigen Jahres um knapp 65.900
geringer sei, und ignoriert damit, wie seit Beginn des Jahres die Statistik
manipuliert wird. Soviel Chuzpe muss man haben und es mit Churchill halten,
der riet: "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht
hast."
Quelle: http://www.freitag.de/2004/12/04120501.php
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