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Hartz IV – Wer
verliert, wer gewinnt?
Studie der Freien Universität Berlin gibt Aufschluss
16.12.2004 - Freie Universität Berlin – Kommunikations- und
Informationsstelle -
Paare ohne Kinder sind
die häufigsten Verlierer der Hartz IV-Reform; Paare mit Kindern die
zweithäufigsten. Über achtzig Prozent der Paare ohne und mehr als fünfzig
Prozent der Paare mit Kindern müssen ab Januar 2005 mit weniger Geld als
zuvor auskommen – der durchschnittliche Verlust für diese Haushalte beträgt
rund 250 Euro. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt Jan Schulte vom
Institut für öffentliche Finanzen und Sozialpolitik der Freien Universität
Berlin in seiner jüngst veröffentlichten Studie „Arbeitslosengeld II und die
Arbeitslosenhilfe: Gewinner und Verlierer“. In seiner Untersuchung berechnet
Schulte auf der Grundlage der Einkommens- und Verbraucherstichprobe (EVS)
des Statistischen Bundesamts von 1998 Gewinner und Verlierer der Hartz
IV-Reform und kommt damit zu dramatischen Ergebnissen.
„In den meisten Partnerschaften gibt es zwei Einkommensbezieher“, erläutert
Schulte. Das Einkommen des Partners werde bis auf einen Freibeitrag auf das
Arbeitslosengeld II angerechnet. „Dies erklärt, warum nach meiner Berechnung
Paare mit Kindern häufiger die Verlierer der Hartz IV-Reform sind, als die
Beispielsrechnungen der Broschüre des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit
suggerieren“, so Schulte. Da das Einkommen der Partner mit dem
Arbeitslosengeld verrechnet werde, erhielten fast die Hälfte der Paare ohne
Kinder und immer noch ein Drittel der Paare mit Kindern gar keine Zahlung
mehr. In Ostdeutschland ist dieser Anteil, besonders bei den Familien mit
Kindern, etwas größer als in Westdeutschland, da dort die Erwerbsbeteiligung
der Frauen deutlich höher ist als im Westen. Einverdienerfamilien mit
Kindern hingegen profitieren überwiegend von der Reform, schon bei nur einem
Kind ist das Arbeitslosengeld II in der Regel höher als die
Arbeitslosenhilfe, die in diesen Familien meist die Haupteinkommensquelle
war.
Allein erziehende Eltern hingegen werden besser gestellt: Über siebzig
Prozent von ihnen werden im nächsten Jahr mehr Geld zur Verfügung haben.
Dabei erhalten allein erziehende Eltern mit einem geringen Einkommen ein
wenig mehr Geld, während solche mit einem bisher höheren Einkommen Einbußen
hinnehmen müssen.
Bemerkenswert ist, dass so viele Alleinlebende durch die Reform gar keine
Einkommenseinbußen erleiden. Die Zahlen der Verlierer und die der Gewinner
gleichen sich hier aus. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die
Verlierer weit mehr verlieren als die Gewinner gewinnen: der
durchschnittliche Gewinn liegt bei knapp sechzig Euro, während der
durchschnittliche Verlust über 150 Euro beträgt. Im Osten ist der Anteil der
Verlierer deutlich höher als im Westen, in keiner Gruppe ist der Unterschied
zwischen Ost und West größer.
Ebenfalls untersucht wurde, ob die Haushalte, die noch Anspruch auf eine
Zahlung haben, in einer unangemessen großen Wohnung wohnen, oder ein
Vermögen besitzen, dass über den Freibeträgen liegt. Hier kann Entwarnung
gegeben werden: Gerade ein bis zwei Prozent der Betroffenen Haushalte
überschreiten die Freibeträge, und die Empfänger von Arbeitslosenhilfe, die
zur Miete wohnen, leben im Vergleich zu den Sozialhilfeempfängern
bescheiden.
Die Studie fußt auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) von 1998
des vom statistischen Bundesamts. Sie erfasste Empfänger von
Arbeitslosenhilfe, die Höhe des Arbeitslosengeldes II und den Unterschied
zwischen bisherigem und zukünftigem Nettoeinkommen. Die EVS des
Statistischen Bundesamtes liefert genaue Angaben über Demographie, Einnahmen
und Ausgaben, Geldvermögen und Haus- und Grundbesitz der deutschen
Haushalte; die EVS 98 ist die jüngste vollständig verfügbare Stichprobe.
Nicht untersucht wurde hingegen, wie sich die Verluste auf das
Erwerbsverhalten der Betroffenen auswirken. Es ist möglich, dass nun mehr
Langzeitarbeitslose auch schlechter bezahlte Jobs annehmen, um die
Einkommensverluste auszugleichen.
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Alle betroffenen
Haushalte (HH) |
schlechter gestellte
HH |
|
Haushaltstyp |
bisheriges
Netto-
einkommen |
zukünftiges
Netto-
einkommen |
Änderung
Mittelwert |
Änderung
Median |
Anteil
schlechter
gestellter
Haushalte |
Anteil HH,
die keine
Zahlung
mehr
erhalten |
|
|
€ |
€ |
€ |
€ |
% |
% |
|
Deutschland |
|
|
|
|
|
|
|
Alleinlebend |
784 |
740 |
- 45 |
+ 3 |
48,6 |
6,6 |
|
Alleinerziehend |
1203 |
1246 |
+ 43 |
+ 59 |
28,1 |
3,5 |
|
Paar, kinderlos |
1630 |
1433 |
- 197 |
- 156 |
82,2 |
47,4 |
|
Paar, ein Kind |
1783 |
1691 |
- 92 |
- 16 |
61,8 |
30,9 |
|
Paar, mehr als ein
Kind |
2169 |
2134 |
- 34 |
- 5 |
50,1 |
33,7 |
|
Westdeutschland |
|
|
|
|
|
|
|
Alleinlebend |
784 |
744 |
- 40 |
+ 12 |
42,8 |
6,6 |
|
Alleinerziehend |
1253 |
1287 |
+ 35 |
+ 69 |
31,3 |
5,0 |
|
Paar, kinderlos |
1677 |
1466 |
- 212 |
- 145 |
83,9 |
46,2 |
|
Paar, ein Kind |
1784 |
1704 |
- 80 |
- 15 |
61,0 |
26,9 |
|
Paar, mehr als ein
Kind |
2286 |
2313 |
+ 27 |
+ 94 |
43,5 |
31,2 |
|
Ostdeutschland |
|
|
|
|
|
|
|
Alleinlebend |
785 |
729 |
- 56 |
- 38 |
63,3 |
6,4 |
|
Alleinerziehend |
1168 |
1216 |
+ 49 |
+ 49 |
25,8 |
2,5 |
|
Paar, kinderlos |
1572 |
1393 |
- 178 |
- 168 |
80,2 |
48,8 |
|
Paar, ein Kind |
1782 |
1679 |
- 104 |
- 73 |
62,7 |
35,2 |
|
Paar, mehr als ein
Kind |
2061 |
1970 |
- 91 |
- 55 |
56,2 |
36,1 |
Übersicht über das durchschnittliche Nettoeinkommen vor und
nach der Reform, die Einkommensveränderung, Gewinner und Verlierer für
unterschiedliche Haushaltstypen in Ost- und Westdeutschland. Für die
Änderung ist sowohl der Mittelwert als auch der Median ausgewiesen, also die
Änderung für den Haushalt, der in der Mitte der Verteilung liegt. Der Median
ist für alle Haushaltstypen niedriger als der Mittelwert, da viele Haushalte
einen relativ geringen Betrag verlieren oder gewinnen und einige Haushalte
sehr viel verlieren, was den Mittelwert nach unten zieht.
Das Papier kann herunter geladen werden unter:
www.wiwiss.fu-berlin.de/files/K6UAD7B/discpaper29_04.pdf
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Jan Schulte, Institut für öffentliche Finanzen und Sozialpolitik der Freien
Universität Berlin,
Tel.: 030 / 838-55289, Fax: 030 / 838-55172; E-Mail:
schulte@wiwiss.fu-berlin.de
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