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Deutschlands Exporte brechen alle Rekorde
Die Wirtschaft ist so fit wie nie. Doch Millionen haben nichts davon.

19.01.2005 - Dieter Schubert - junge Welt - Die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland hat im abgelaufenen Jahr erneut ihre globale Wettbewerbsfähigkeit demonstriert. Um satte zehn Prozent wuchsen 2004 die Warenausfuhren und erreichten ein Volumen von 731 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag berichtete. Der Wert der Importe stieg dagegen nur um 7,7 Prozent auf 575,4 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieb damit ein Saldo von 155,6 Milliarden Euro – der höchste Außenhandelsüberschuß, den dieses Land jemals erreicht hat.

Die Nachricht von den Rekordergebnissen im Außenhandel löste bei Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement helle Freude aus. Der sah sich und die Regierung umgehend mit ihrer Prognose von 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum bestätigt. »Dies ist ein Zeichen, daß die Stagnation überwunden ist«, meinte der Minister.

Welche Stagnation? Zumindest bei der Exportstärke – von den meisten Ökonomen als herausragendes Kriterium für die Effizienz der jeweiligen Wirtschaft anerkannt – hatte die BRD stets die Nase vorn. Selbst den inoffiziellen Titel eines »Exportweltmeisters« hatte man 2003 aus den USA an Rhein und Isar zurückholen können. 2004 wurde demnach voraussichtlich nicht nur der historisch größte Außenhandelsüberschuß, sondern auch das größte Exportvolumen realisiert.

Dagegen steht die scheinbare – und reale – Tristesse im Lande: Der Bundeshaushalt wies 2004 ein riesiges Defizit von etwa 40 Milliarden Euro auf. Das führte zu einer entsprechenden Neuverschuldung. Verschuldet sind auch Länder und Kommunen sowie die Sozialversicherungen. Hunderttausende Erwerbslose wurden und werden per »Hartz«-Gesetzen die ohnehin knappen Unterstützungszahlungen gekürzt oder gestrichen. Irgendwas kann da nicht stimmen, sagt sich der Betrachter.

Vor allem stimmt die Verteilung des erwirtschafteten Reichtums nicht. Steuerreformen zugunsten der Kapitalgesellschaften, Senkung des Höchstsatzes im Rahmen der Einkommenssteuer, »Entlastung« der Kapitalseite bei den Sozialversicherungsbeiträgen für abhängig Beschäftigte oder der bewußte Verzicht auf eine Vermögenssteuer sind einige der Meilensteine auf dem kontinuierlichen Weg, der Arme ärmer und Reiche reicher werden läßt. Vorgeschobene Begründung: Die Globalisierung erfordere es, Investoren beste Bedingungen zu schaffen. Sonst gingen sie anderswo hin. Eine in den Medien auffällig laut geführte Debatte um Verlagerungen von deutschen Unternehmen in sogenannte Billiglohnländer bildete im vergangenen Jahr die Kulisse dazu. Im Kern geht es wie stets um möglichst maximalen Profit. Da verhindern zahlreiche Lobbyisten erfolgreich jegliche ernsthafte Verteilungsdiskussion. Zumindest die »Standortdiskussion« wird mit der Rekordmeldungen stets ad absurdum geführt. Doch Kapital ist betriebswirtschaftlich orientiert und achtet auf Profite. Es braucht immer weniger Menschen, die wirtschaftliche Leistungskraft zu halten und zu steigern. Daraus resultieren soziale Folgekosten, die auf – ebenfalls immer weniger – Steuer- und Beitragszahler abgewälzt werden. Kein von etablierten Politikern und Ökonomen bisher laut geäußerter Vorschlag hat dagegen ein Mittel parat.

 

Quelle: http://www.jungewelt.de/2005/01-19/001.php