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Betrug und Irrtum
Hartz IV wird viel teurer als gedacht. Daran sind weniger die
Sozialbetrüger schuld als die Gesetzgeber. Sie haben schlampig gearbeitet.
27.10.2005 -
Von Kolja Rudzio, DIE ZEIT - Ist eine Große Koalition zu großen Reformen
fähig? Wer Hartz IV als Indiz nimmt, muss Schlimmes fürchten, immerhin wurde
die Arbeitsmarktreform vor zwei Jahren faktisch von einer Großen Koalition
beschlossen. Damals einigte sich die SPD-geführte Bundesregierung mit den
unionsgeführten Ländern auf einen Kompromiss. Herausgekommen ist ein Gesetz,
das voller handwerklicher Fehler steckt und seine wichtigsten Ziele bisher
verfehlt. Während die versprochene bessere Förderung und Vermittlung der
Arbeitslosen auf sich warten lässt, laufen die Kosten aus dem Ruder.
Ursprünglich sollte die Reform die Staatskasse entlasten, inzwischen
entpuppt sie sich als Sprengsatz für den Bundeshaushalt. Ein »unfreiwilliges
Konjunkturprogramm« nennt das der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering.
Neuere Daten belegen: Die Reform wird nicht nur teurer als erwartet und
nicht nur teuer für den Bund - Hartz IV kostet den Steuerzahler auch
insgesamt mehr Geld als das alte System aus Arbeitslosen- und Sozialhilfe.
Aus einer 34-seitigen »Be- und Entlastungsrechnung«, die die Bundesregierung
erstellt hat, ergibt sich: Die Kommunen werden durch die Reform im Vergleich
zum Vorjahr mit 340 Millionen Euro belastet, die Länder sparen 3,3
Milliarden Euro (die sie an die Kommunen weiterreichen sollen). Der Bund
wiederum dürfte, wenn seine zuletzt veröffentlichten Prognosen zutreffen,
7,1 Milliarden Euro mehr ausgeben. Unter dem Strich hieße das: Der Staat
zahlt gegenüber dem alten System rund 4,5 Milliarden Euro drauf.
Und das ist nur der niedrigste anzunehmende Wert, denn er berücksichtigt
keine Eingliederungsmaßnahmen, etwa die »Ein-Euro-Jobs«, und er beruht auf
Angaben der Bundesregierung. Die hat aber handfeste Gründe, die Bilanz der
Städte, Kreise und Länder schönzurechnen. Schließlich stehen Verhandlungen
an, in denen die Lastenverteilung der Hartz-IV-Reform nachjustiert werden
soll. Legt man Zahlen zugrunde, die von den Kommunen und Ländern ermittelt
wurden und in einem Papier des Deutschen Landkreistages zusammengefasst
sind, ergibt sich ein noch dramatischeres Bild. Dann muss die öffentliche
Hand für Hartz IV sogar 8,5 Milliarden Euro mehr hinblättern als unter den
alten Regeln.
Reformgegner wie Reformbefürworter reiben sich angesichts solcher Zahlen die
Augen: Wie kann es sein, dass Hartz IV Unsummen verschlingt, obwohl die
Leistungen für viele Arbeitslose gekürzt wurden? Hieß doch das Schlagwort
»Armut per Gesetz«, als Zehntausende im Sommer 2004 gegen die Reform auf die
Straße gingen. Tatsächlich zeigen aktuelle Berechnungen des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, dass sich die meisten
Arbeitslosen mit Hartz IV deutlich schlechter stehen als früher mit der
Arbeitslosenhilfe. Es gibt aber auch Gewinner. Das sind vor allem
Geringverdiener, die eine niedrige Arbeitslosenhilfe bezogen haben und
eigentlich Anspruch auf ergänzende Sozialhilfe oder Wohngeld gehabt hätten,
diesen aber nie geltend machten. Im neuen System bekommen sie alles aus
einer Hand und daher auch alle Leistungen. Das sind keine Einzelfälle,
sondern das betrifft nach Angaben des Instituts, das zur Bundesagentur für
Arbeit gehört, einige hunderttausend Haushalte.
Insgesamt müsste der Staat nach diesen Berechnungen Geld sparen. Die Studie
hat jedoch einen Haken. Sie rechnet nur vor, wie sich die Reform auf die
Arbeitslosenhilfeempfänger ausgewirkt haben müsste, an deren Situation sich
nichts Grundlegendes geändert hat. Nicht berücksichtigt sind daher Paare,
die sich trennen, jugendliche Arbeitslose, die bei ihren Eltern ausziehen,
oder völlig neue Antragsteller.
Genau solche Veränderungen haben aber zur Kostenexplosion von Hartz IV
beigetragen. Mit 2,52 Millionen Bedarfsgemeinschaften plante die
Bundesregierung im vergangenen Jahr noch. Tatsächlich waren es zum
Jahresbeginn schon 3,3 Millionen. Ende September wurde nach vorläufigen
Daten ein neuer Rekord verzeichnet - mit knapp 3,7 Millionen
Bedarfsgemeinschaften. Zu völlig unrealistischen Prognosen kommt also ein
immer noch anhaltender Zustrom neuer Bedürftiger.
Massenhaften »Sozialbetrug« und »parasitäres Verhalten« vermutet der
scheidende Wirtschaftsminister Wolfgang Clement dahinter. Bis zu zwanzig
Prozent aller Alg-II-Empfänger kassierten zu Unrecht Geld vom Staat.
Parallel dazu veröffentlichte sein Ministerium einen Report vom
Arbeitsmarkt, in dem auf 33 Seiten ausführlich Betrugsfälle geschildert
werden. Da taucht ein »Dieter Schuster« auf (die Namen sind erfunden), der
halbnackt auf dem Balkon einer angeblich allein lebenden Alg-II-Empfängerin
angetroffen wurde, sich aber als ihr Lebensgefährte herausstellte. Da wird
ein »Bernd Wollschläger« vorgestellt, der sich als bedürftig ausgab, obwohl
er die Baufirma seiner Frau leitete. Und da wird berichtet, wie ausländische
Sozialhilfeempfänger deutsches Arbeitslosengeld einstreichen könnten - weil
die Behörden auf Kontrollen verzichteten, wie das Behörden-Papier beklagt.
Welchen Umfang der Missbrauch hat, darüber steht in dem Report jedoch
nichts. Clement stützt sich bei seinen Schätzungen auf »Stichproben« und die
Ergebnisse eine Telefonaktion der Bundesagentur für Arbeit. Dort heißt es
aber, man verfüge nicht über Zahlen zum Missbrauch, und auch die angeführte
Telefonbefragung ließe sich so nicht interpretieren. Sie habe einem ganz
anderen Zweck gedient. Denn bei dieser - freiwilligen, nicht repräsentativen
- Umfrage wurden Alg-II-Empfänger angerufen, bei denen Unklarheiten über den
Arbeitslosenstatus bestanden. So gebe es etwa Alleinerziehende mit kleinen
Kindern, die in der Statistik als arbeitslos geführt würden, obwohl sie im
Moment gar nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Sie erhielten dann
zu Recht Arbeitslosengeld II, müssten aber in der Arbeitsmarktstatistik
anders erfasst werden.
»Dürftig und peinlich« nennt Schleswig-Holsteins Arbeitsminister Uwe Döring
(SPD) die Kampagne der scheidenden Bundesregierung. »Erst waren es die
Kommunen, die Geld zurückzahlen sollten. Nun sind es die Alg-II-Empfänger,
die angeblich massenhaft Betrug begangen haben.« Jürgen Borchert,
Landessozialrichter in Darmstadt, wundert sich: »Bei uns kommen diese
Missbrauchsfälle irgendwie nicht an.« Stattdessen sehe er sich nicht selten
einer »sehr problematischen Verwaltungspraxis« gegenüber: »Wir haben
umgekehrt zahlreiche Fälle, in denen Leuten die ihnen zustehenden
Mietzahlungen verweigert werden.«
Auch Stephan Articus, Geschäftsführer des Deutschen Städtetages, hält Betrug
nicht für das Kernproblem. »Für die Kostenexplosion beim Arbeitslosengeld II
gibt es eine Reihe von Gründen, Missbrauch ist aber sicher nicht die
Hauptursache.« Der Gesetzgeber, sagt Articus, habe »zu großzügige
Möglichkeiten geschaffen, Haushalte aufzusplitten«. Soll heißen: Auch ohne
Betrug ist es möglich, die Hilfsleistungen maximal auszureizen.
So können etwa junge
Arbeitslose aus dem elterlichen Haushalt ausziehen und haben dann einen
eigenen Anspruch auf das volle Arbeitslosengeld und die Wohnungskosten. Auch
unverheiratete Paare profitieren, wenn sie sich trennen. Sie umgehen damit,
dass sie mit ihrem Einkommen - stärker als früher in der Arbeitslosenhilfe -
füreinander in die Pflicht genommen werden. Experten sprechen von einer
»Zellteilung«, die sie beobachten. Seit Jahresbeginn ist die Zahl der
Ein-Personen-Bedarfsgemeinschaften auffällig gestiegen: von knapp 1,9
Millionen auf etwa 2,1 Millionen.
Ein anderes Problem sind veränderte Einkommens- und Vermögensgrenzen, bis zu
denen jemand als bedürftig gilt. So durfte etwa bei der alten Sozialhilfe
ein Ehepaar (beide 26 Jahre alt) mit einem minderjährigen Kind nicht mehr
als 2149 Euro auf dem Konto haben, um Geld vom Staat zu bekommen. Beim
Arbeitslosengeld II dagegen hat die gleiche Familie noch bei einem Vermögen
von bis zu 16750 Euro Anspruch auf Hilfe (ohne Berücksichtigung von
Altersvorsorge oder Eigenheim). Die höheren Sätze gelten auch, wenn geprüft
wird, ob Eltern für ihre arbeitslosen Kinder aufkommen müssen.
Selbst geringe Änderungen solcher Freigrenzen können aber gewaltige
Auswirkungen haben, sagt Markus Keller, Sozialexperte beim Deutschen
Landkreistag. »Studien aus den achtziger und neunziger Jahren haben gezeigt,
dass schon eine Veränderung von Schwellenwerten um fünf Prozent dazu führen
kann, dass der Kreis der Berechtigten um 20 Prozent wächst.«
Neben allen Reformproblemen dürfte schließlich auch die anhaltend schlechte
Wirtschaftslage zum Kostenanstieg beigetragen haben. Schon in den
vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Arbeitslosenhilfeempfänger stark an.
Bisher sei alles »Kasuistik«, sagt Helmut Rudolph vom IAB in Nürnberg. »Alle
möglichen Beispiele und Einzelfälle werden jetzt als Erklärung für die
steigenden Kosten von Hartz IV kolportiert, aber wir wissen nicht, welche
Faktoren wirklich ausschlaggebend sind«. Politiker hätten »gerne einfache
Erklärungen und Journalisten gerne eine schöne Schlagzeile«, sagt der
Wissenschaftler, doch die Thematik sei kompliziert.
In den Berliner Koalitionsgesprächen wird indes schon verhandelt, wie die
gemeinsam verabschiedete Reform wieder reformiert werden soll. Die SPD-Seite
will vor allem die Missbrauchsmöglichkeiten einschränken. Kanzleranwärterin
Angela Merkel hält dagegen: »Es wird nicht reichen, nur den Missbrauch in
den Mittelpunkt zu stellen. Wir müssen uns vielmehr mit den prinzipiellen
Konstruktionsschwächen beschäftigen«, erklärte sie im Interview mit Bild am
Sonntag.
Vor allem sollen wieder verstärkt die Familien in Anspruch genommen werden,
wenn ein Angehöriger bedürftig wird. Dahinter steckt - ebenso wie bei der
ursprünglichen Änderung - kein großer gesamtgesellschaftlicher Entwurf über
die richtige Aufgabenteilung zwischen Bürger und Staat. Dahinter steckt die
pure Not der öffentlichen Kassen.
Mitarbeit: Ulrike Meyer-Timpe
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