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Gegen die steigenden Kosten von Hartz IV helfen nur Jobs
29.10.2005 - Von Thomas
Maron – Frankfurter Rundschau - Union und SPD haben sich bei der
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe verkalkuliert, Hartz IV
wird zur Kostenfalle. Aber eine Reform der Reform allein kann das
Finanzproblem nicht beheben.
Der Bund gibt für Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II) mit 26
Milliarden Euro rund zwölf Milliarden Euro mehr aus als geplant. Dabei geht
es den Hilfebedürftigen weder zu gut, noch plündern sie in Scharen zu
Unrecht die Sozialkassen. Vielmehr ging der Bund, als er in der
Konstruktionsphase der Megareform die finanziellen Auswirkungen
prognostizierte, von überholten Statistiken aus und dichtete
Einsparpotentiale in den Haushalt 2005, die im nachhinein betrachtet
illusorisch waren. De facto wird im neuen Leistungssystem für die ehemaligen
Sozial- und Arbeitslosenhilfe-Empfänger in diesem Jahr in etwa so viel Geld
zum Lebensunterhalt bereitgestellt wie 2004.
Die Hoffnung auf Einsparungen war vor einem Jahr nicht unbegründet, weil die
Arbeitslosenhilfe mit Hartz IV auf Sozialhilfeniveau gesenkt wurde.
Unterschätzt wurde die Zahl der Leistungsberechtigten. Statt
prognostizierter 3,4 Millionen ALG-II-Empfänger, zählt die Bundesagentur für
Arbeit 4,9 Millionen. Was beide großen Parteien veranlasst, von Missbrauch
in großem Stil zu sprechen, gegen den durchzugreifen sei.
Tatsächlich aber hat sich der Bund dies weitgehend selbst eingebrockt, als
er das Gesetz verfasste. Denn Hartz IV sieht vor, dass alle erwerbsfähigen
Sozialhilfeempfänger aus der Obhut der Kommunen in das vom Bund finanzierte
ALG-II-System wechseln. Als erwerbsfähig gilt laut Gesetz, wer mindestens
drei Stunden am Tag arbeiten kann. Weil dazu deutlich mehr Arbeitslose als
vorhergesagt in der Lage sind, muss der Bund tiefer als ihm lieb ist in die
Tasche greifen.
Zum zweiten wurde die Vermögenssituation der Menschen falsch eingeschätzt,
die Arbeitslosen sind ärmer als gedacht. Wer ALG II beziehen will, muss
zunächst auf eigene Ersparnisse oder das Geld vom Partner zurückgreifen.
Deshalb ging man zunächst davon aus, dass fast jeder vierte
Arbeitslosenhilfe-Empfänger nach dem Start von Hartz IV leer ausgeht. Diese
Annahme basierte allerdings auf Zahlenmaterial von 1998, seitdem hat sich
die Einkommenssituation der Menschen in Deutschland aber kontinuierlich
verschlechtert.
Und drittens beobachten Arbeitsvermittler, dass der Erhalt von ALG II als
weit weniger beschämend empfunden wird, als dies bei der Sozialhilfe der
Fall war. Die Folge: Mehr Menschen trauen sich, ihnen gesetzlich zustehende
Leistungen auch in Anspruch zu nehmen. Mit massenhaftem Missbrauch hat all
dies nichts zu tun, die Betrugsquote bei ALG II wird von
Sozialwissenschaftlern auf drei bis fünf Prozent geschätzt, ähnlich hoch wie
bei der Sozialhilfe.
Der Bund wird deshalb auch durch schärfere Kontrollen die Kosten von Hartz
nicht in die Nähe der ursprünglichen Planzahlen drücken können. Unklar ist,
welche Auswirkungen es hätte, wenn Eltern wieder stärker gegenüber ihrem
Nachwuchs finanziell in die Pflicht genommen würden. Sowohl Union als auch
SPD wollen unterbinden, dass arbeitslose Jugendliche vermehrt von zu Hause
ausziehen, weil sie mit Hartz IV Anspruch auf ALG II und Unterkunftskosten
haben.
Bleibt die Erkenntnis, dass die Kosten nur dann nennenswert sinken, wenn die
Menschen in Arbeit vermittelt werden. Es sei denn, die große Koalition kürzt
den Empfängern von ALG II die Leistungen. Wohlfahrtsverbände mutmaßen, dass
Union und SPD mit ihrer Missbrauchskampagne weitere Einschnitte ins soziale
Netz vorbereiten.
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/thema_des_tages/?cnt=748388
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