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Armutskonferenz fordert Regelsatz von 420
Euro
Studie: Hartz IV
fördert Armut in Deutschland
29.3.2006 - Alice Lanzke - Berliner Zeitung - Nach Ansicht der
Wohlfahrtsverbände verschärft die Arbeitsmarktreform Hartz IV die Armut in
Deutschland. Zu diesem Schluss kommt die Nationale Armutskonferenz (NAK),
ein Zusammenschluss von zwölf Wohlfahrtsverbänden, in ihrer
sozialpolitischen Bilanz 2005. Für eine Vielzahl der Betroffenen habe sich
die Lage dramatisch verschlechtert, sagte NAK-Sprecher Hans-Jürgen Marcus
gestern in Berlin. "Die Instrumente des Forderns wurden stark ausgebaut, die
Instrumente des Förderns aber eingeschränkt." Zudem seien rund 90 Prozent
der Hartz-IV-Bescheide falsch, die Behörden oft überfordert.
"Immer mehr Menschen befinden sich in
einer prekären Lebenssituation", sagte Marcus. Vor allem Kinder seien
betroffen. So habe sich die Zahl der unter 15-Jährigen, die auf
Sozialhilfeniveau leben, im vergangenen Jahr von einer Million auf 1,5
Millionen erhöht. Soziale Einrichtungen wie Beratungsstellen, Kleiderkammern
oder "Die Tafeln", die kostenlose Lebensmittel verteilen, erlebten einen
enormen Zulauf. Die monatliche Regelleistung des Arbeitslosengeldes II (ALG
II) in Höhe von 345 Euro reiche für viele einfach nicht aus. Das führe dazu,
dass für einmalige Anschaffungen nicht genügend Geld angespart werden könne.
420 Euro ALG II gefordert
Marcus sieht zahlreiche ALG II-Empfänger so auf dem Weg in die
Verschuldungsspirale: "Wo ein Kinderwagen als Darlehen gewährt oder mit
Krediten finanziert werden muss, werden Kinder bereits mit Schulden
geboren." Die Armutskonferenz plädiere für eine Anhebung des ALG II auf 420
Euro, auch wegen der geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19
Prozent und der jüngsten Gesundheitsreformen. Die höheren Zuzahlungen für
Medikamente hätten die Betroffenen schon überproportional belastet.
Marcus kritisierte außerdem, die versprochene Integration von
Langzeitarbeitslosen gelinge nicht. "Das liegt nicht nur daran, dass es
keine Stellen gibt, sondern auch an der Ideenlosigkeit und Fixierung auf
Ein-Euro-Jobs." Es sei doch bezeichnend, dass die Bundesagentur für Arbeit
2005 fast 50 Prozent der Mittel für die Wiedereingliederung in den ersten
Arbeitsmarkt zurückgegeben habe.
Die Darstellung des früheren Bundesarbeitsministers Wolfgang Clement (SPD),
wonach der Missbrauch beim ALG II bei bis zu 20 Prozent liege, bezeichnete
Marcus als falsch. Die Armutskonferenz gehe lediglich von insgesamt zwei bis
drei Prozent aus.
Marcus begrüßte zwar die im Februar vom Bundestag beschlossene Anhebung des
ALG II im Osten auf das höhere Westniveau, ansonsten suche man
Verbesserungen aber weitgehend vergebens. Auch bei dem von der
Bundesregierung geplanten Hartz IV-Optimierungsgesetz erwarte die
Armutskonferenz eher Verschlechterungen. "Wir befürchten, dass dieses nur
eine finanzielle Optimierung der Ausgaben des Bundes zu Lasten der Förderung
und Qualifizierung arbeitsloser Menschen zum Ziel hat", so Marcus. Dabei
seien Nachbesserungen dringend notwendig. Seine Stellvertreterin Erika Biehn
warnte eindringlich davor, die Regelsätze für das Arbeitslosengeld II sogar
noch abzusenken: "Heute ist es zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.
Bei einer Absenkung würde nicht einmal dieser Satz mehr gelten."
Quelle:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/537807.html
Studie der Nationalen Armutskonferenz: Sozialpolitische Bilanz 2005:
„Hartz IV… und die Betroffenen?“
>> Download (PDF, 324 KB)
Pressemitteilung der Nationalen Armutskonferenz vom 28.3.2006
>> Download (PDF, 27 KB)
Link zur Website der Nationalen Armutskonferenz:
http://www.nationale-armutskonferenz.de
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