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Drei Mythen über Hartz IV
Gern verbreitete,
aber nicht zutreffende Irrtümer zum ALG II
6.6.2006 - Von Barbara Dribbusch - die tageszeitung, taz
Mythos 1:
Die
Sozialleistung in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern zu hoch.
"In Großbritannien und den USA z. B. liegt das Fürsorgeniveau
deutlich niedriger"
(Spiegel, 29. 5. 2006). Die Wirklichkeit: Großbritannien hat
Deutschland bei der Stütze für Langzeiterwerbslose überflügelt. In England
liegt die so genannte income-based jobseeker allowance für
Alleinstehende derzeit bei 57,45 Pfund pro Woche. Dies entspricht einem
monatlichen Regelsatz von knapp 360 Euro. In Deutschland gelten 345 Euro.
Hinzu kommt auch in Großbritannien die Übernahme der Mietkosten ("Housing
benefits") für Langzeiterwerbslose. Übrigens, in Großbritannien gibt es auch
einen Mindestlohn von 7,34 Euro die Stunde, Er soll im Oktober auf 7,80 Euro
erhöht werden.
Mythos 2:
Der
Regelsatz ist zu hoch, denn mit Hartz IV bekommen manche Menschen mehr Geld,
als sie mit Arbeit verdienen würden.
"Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht
arbeitet"
(Bundeskanzlerin Angela Merkel). Die Wirklichkeit: Schon heute haben
selbst schlecht verdienende Erwerbstätige mehr in der Tasche als
Hartz-IV-Empfänger. Denn Kleinverdiener bekommen aufstockendes
Arbeitslosengeld II und stehen sich wegen der Freibeträge besser als
Nichterwerbstätige. Allerdings gab es Fehler im Konzept des so genannten
Kinderzuschlages für gering verdienende Familien. Diese sollen jetzt
ausgemerzt werden.
Der Regelsatz ist heute nicht höher als die Leistungen in der früheren
Sozialhilfe. Aber die Verdienststruktur in Deutschland hat sich verändert,
auch durch eine verfehlte Arbeitsmarktpolitik. Ein Beispiel: Heute gelten
für abgabenfreie 400-Euro-Jobs keine Stundenbegrenzungen mehr. Die Folge: Im
Einzelhandel ackern inzwischen auch Halbtagskräfte als 400-Euro-Jobberinnen
zum Niedriglohn.
Mythos 3:
Immer mehr Leute beziehen Hartz IV, weil das Arbeitslosengeld II zum
Missbrauch einlädt.
"Der Missbrauch muss weiter eingedämmt werden"
(Baden-Württembergs CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger).
Die Wirklichkeit: Nach telefonischen Befragungen und aufgrund von neuesten
Datenabgleichen mit der Rentenversicherung hat die Bundesagentur für Arbeit
26 Millionen Euro zu viel gewährtes Arbeitslosengeld II entdeckt. Das sind
gerade einmal 0,4 Prozent der im ersten Quartal 2006 ausgezahlten Summe. Die
Bundesagentur schätzt die "Missbrauchsquote" auf fünf bis sechs Prozent der
EmpfängerInnen, wobei sich laut Agentur darunter aber auch Leute befinden,
die sich bei Jobaufnahme nicht rechtzeitig abgemeldet haben.
Zum Vergleich: Der Umfang der gesamten Schattenwirtschaft aller Menschen in
Deutschland inklusive Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit wird auf 15
Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt. SPD-Finanzminister Hans Eichel
hatte während seiner Amtszeit vergeblich versucht, wenigstens 5 Milliarden
Euro an hinterzogenen Kapitalsteuern auf im Ausland deponiertes Geld
wohlhabender deutscher Anleger zurückzuholen.
Quelle:
http://www.taz.de/pt/2006/06/06/a0053.1/text
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