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Huber auf Distanz zur Gohde-Forderung
Streit über Hartz-IV-Kürzungen in Kirche und Diakonie -
Diakoniepräsident entschuldigt sich
7.6.2006 - Evangelischer Pressedienst - Der Streit in der Diakonie
und der evangelischen Kirche um die Bezüge für Langzeitarbeitslose geht
weiter. Ausgelöst hat ihn Jürgen Gohde, der Präsident des Diakonischen Werks
der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In einem gemeinsamen
Schreiben mit den kommunalen Spitzenverbänden an die Fraktionsvorsitzenden
im Deutschen Bundestag hatte sich Gohde für Kürzungen bei
Hartz-IV-Leistungen ausgesprochen (wir berichteten).
Auf dem Katholikentag, der vom 24. bis 28. Mai in Saarbrücken stattfand,
ging der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD),
Wolfgang Huber, auf Distanz zu der von Gohde mit unterzeichneten Erklärung.
Huber sagte dazu am 27. Mai, die Diakonieverbände und die Kirche machten
sich eine solche Position nicht zu eigen. Durch die Debatte über die Kürzung
von Hartz IV würden die Menschen zusätzlich verunsichert. "Dies kann nicht
Aufgabe von Kirche und Diakonie sein", fügte Huber hinzu.
Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann warnte in einem Interview
der "Saarbrücker Zeitung" (Ausgabe vom 26. Mai) vor weiteren Kürzungen bei
Familien und Kindern. "In unserem Land müssen wir aufpassen, dass nicht noch
mehr Menschen in Armut abrutschen", sagte sie. Dass zehn Prozent der Kinder
in Deutschland in Armut lebten, nannte die hannoversche Bischöfin
"drastisch". Damit ging auch Käßmann auf Distanz zu der von Gohde
unterzeichneten Erklärung. Die Landesbischöfin sagte dazu wörtlich: "Ich
denke, dass das, was Herr Gohde unterschrieben hat, im Moment benutzt wird
von denen, die weiter Mittel kürzen wollen."
Gohde selbst will sich nach Angaben seiner Sprecherin derzeit nicht
öffentlich zu dem gesamten Vorgang äußern. Der Diakoniepräsident ist
offenbar selbst von der Wucht des Widerspruchs aus den eigenen Reihen
überrascht worden. "Einen Aufruhr dieses Ausmaßes habe ich nicht
vorhergesehen", schrieb er am 22. Mai in einem Brief an den Diakonischen Rat
und die Vorsitzenden der diakonischen Landesverbände. Er entschuldige sich
dafür, dass er den Vorstoß nicht verbandsintern abgestimmt habe. Es sei
zudem falsch gewesen, nicht hinreichend klar gemacht zu haben, dass er sich
nur als Person und nicht "als Repräsentant des Diakonischen Werkes der EKD"
an die Bundestags-Fraktionschefs gewandt habe.
Gohde bekräftigt jedoch in seinem internen Schreiben, das dem epd vorliegt,
dass er zu seiner umstrittenen Position weiter stehe. So habe er angesichts
der Entwicklung der Hartz-IV-Ausgaben handeln müssen. Er bietet nun
verbandsintern an, seine "Position im Sinne des Eintretens der Diakonie für
die Ärmsten und Armen zu erläutern". Bislang hat er nicht öffentlich
konkretisiert, an welchen Stellen seiner Auffassung nach die Bezüge für
Langzeitarbeitslose gekürzt werden sollten.
Unterdessen sprach sich auch der Direktor der rheinischen Diakonie, Uwe
Becker, deutlich gegen eine Kürzung der Leistungen für Langzeitarbeitslose
aus. Die gegenwärtige Diskussion über Einschnitte beim Arbeitslosengeld, um
mehr Anreize zur Arbeit zu schaffen, halte er für zynisch, sagte Becker am
24. Mai in Düsseldorf. In der Arbeitsmarktkrise gebe es verfestigte
Strukturen. Menschen zu mobilisieren, sei weniger das Problem, sagte Becker,
der auch Vorsitzender der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in
Nordrhein-Westfalen ist.
Trotz der Haushaltsbelastungen von Bund und Kommunen durch die hohe Zahl der
Arbeitslosen halte er Hartz-IV-Kürzungen nicht für nötig. "Was wir brauchen,
ist aus meiner Sicht eine andere Steuerpolitik", forderte der
Diakoniedirektor.
bm/mj/rc/lwd
aus epd sozial Nr. 22 vom 2. Juni 2006
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