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"Krankheit kann ich mir nicht leisten"
Immer mehr Beschäftigte erhalten nur noch einen Niedriglohn
26.8.2006 - Ulrich Jonas - Evangelischer Pressedienst - Jeder
fünfte Beschäftigte in Deutschland gilt als Niedriglöhner - Tendenz
steigend. Vor allem Frauen, Jüngere und Menschen ohne Berufsabschluss
arbeiten oft für wenig Geld. Für die Betroffenen bedeutet das mitunter ein
Leben an der Armutsgrenze.
Krankheit oder Urlaub kann sich Marion Schütz (Name geändert, Red.) nicht
leisten. Die 46-Jährige arbeitet als "Empfangsmanagerin" in einem
Bürogebäude in der Hamburger City. Das bedeutet: Sie erledigt Begrüßungs-,
Bewirtungs- und Telefondienste für den Vorstand einer Maschinenbaufirma. Ihr
Arbeitgeber aber ist ein Sicherheitsunternehmen, ihr Stundenlohn beträgt
zehn Euro inklusive Zulagen. Das Beschäftigungsverhältnis habe seine Tücken,
so die gelernte Bürokauffrau: Werde sie krank oder leiste sich Urlaub,
bekomme sie nur den "Grundlohn" ausbezahlt: 6,34 Euro die Stunde. "In vier
Wochen sind das 760 Euro brutto - davon können wir nicht leben", sagt die
allein erziehende Mutter eines 13-jährigen Jungen empört.
In ihrem Arbeitsvertrag ist diese Regelung mit keinem Wort erwähnt. "Die
machen das einfach", sagt Marion Schütz. Einen Tarifvertrag habe sie bis
heute nicht gesehen, trotz mehrerer Nachfragen. Im besten Fall verdiene sie
im Monat 1.200 Euro brutto mit ihrem 30-Stunden-Job, das mache 940 Euro
netto. Hinzu kämen 154 Euro Kindergeld und 71 Euro Wohngeld. Obwohl ihr
offenkundig nicht viel Geld zum Leben bleibt - allein die Miete der
Sozialwohnung beläuft sich auf 450 Euro -, gilt Marion Schütz - sofern sie
nicht krank ist - nach vorherrschender Lehre nicht als Niedriglöhnerin. Als
solche definieren Wissenschaftler Menschen, die weniger als zwei Drittel des
so genannten nationalen Medianlohns verdienen. Diese Grenze lag 2004 -
neuere Zahlen gibt es nicht - für Westdeutschland bei einem Stundenlohn von
9,58 Euro, für die östlichen Bundesländer waren es 6,97 Euro, so
Berechnungen des Wuppertaler Instituts Arbeit und Technik (IAT).
Der Analyse der Wissenschaftler zufolge bezogen vor zwei Jahren 6,9
Millionen der rund 31 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland einen
Niedriglohn. Schlechte Bezahlung sei besonders häufig anzutreffen bei
geringfügig Beschäftigten (78,9 Prozent), Menschen ohne Berufsausbildung
(47,2 Prozent) und Frauen (30,2 Prozent). Dennoch seien nicht nur diese
Gruppen von der Problematik betroffen: 43 Prozent der
Niedriglohnbeschäftigten seien in Vollzeit tätig, 74 Prozent hätten eine
abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss.
Knapp die Hälfte aller Niedriglöhner in Deutschland verdiene sogar weniger
als die Hälfte des nationalen Medianlohns und arbeite somit nach
internationaler Definition für einen "Armutslohn". Der Grenzwert hierzu lag
2004 dem IAT zufolge bei 5,22 Euro Stundenlohn in Ost- und 7,19 Euro in
Westdeutschland. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland habe "deutlich
zugenommen", so die Bilanz der Wissenschaftler.
Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Untersuchung des Instituts für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit:
Nachdem der Anteil der Niedriglohnbezieher in den 90er Jahren gesunken sei,
steige er seit 1997 an. Laut IAB arbeiteten 2001 knapp 200.000
Vollzeitbeschäftigte mehr für einen Niedriglohn als fünf Jahre zuvor -
Teilzeitarbeiter und Minijobber sind in dieser Analyse nicht berücksichtigt.
Weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Untersuchung: In kaum einem anderen
Land in der EU ist die Wahrscheinlichkeit so gering, später einmal mehr Geld
zu verdienen. Nur jeder dritte Geringverdiener in Deutschland, so das IAB,
schafft in einem Zeitraum von fünf Jahren den Sprung über die
Niedriglohnschwelle.
Marion Schütz hat früher mal gutes Geld verdient. "In der Medienbranche"
habe sie da gearbeitet, erzählt die hagere Frau mit dem blassen Teint, "als
Redaktionssekretärin und Assistentin bei Plattenfirmen". 2.500 Euro
Monatslohn seien selbstverständlich gewesen. "Ich hätte mir nie vorstellen
können, mal für so wenig Geld zu arbeiten." Als die Plattenfirma ihren
Standort nach Berlin verlagerte, habe sie gekündigt und sich selbststaendig
gemacht. "Ich dachte, mit meinen Kontakten wird das gut laufen." Ein Irrtum.
Eine Zeit lang lebte sie von Aufträgen "für kleine Labels, die kaum Geld
hatten". Doch sei der Schuldenberg immer mehr angewachsen, "die Krankenkasse
drohte mich rauszuschmeißen".
Seit fast einem Jahr arbeitet Marion Schütz als Empfangsdame.
Zwischenzeitlich hat ihr Arbeitgeber gewechselt, statt eines Bremer
Unternehmens überweist ihr nun ein Hamburger Sicherheitsdienst den Lohn. Der
aber ist unverändert schlecht geblieben. Selbstverständlich bewerbe sie sich
weiter um Jobs in der Medienbranche, sagt sie, "aber die wollen, dass ich
erst mal ein Praktikum mache, und mit dem Schichtdienst geht das nicht
zusammen." Manchmal bekomme sie auch einfach nur gesagt, dass sie "zu alt"
sei, oder man stelle der 46-Jährigen die Frage: "Was wollen Sie denn machen,
wenn Sie bei uns arbeiten und ihr Kind wird krank?" Der Gang zur
Arbeitsagentur ist für sie keine Alternative. Marion Schütz hofft nun auf
die Zeitarbeitsfirma, für die sie als junge Frau mal gearbeitet hat.
"Vielleicht ergibt sich so ja eine Chance, in ein Unternehmen reinzukommen."
Quelle:
http://www.epd.de/sozial/sozial_index_43438.html
Weitere Informationen und Gegenkonzepte:
Initiative Mindestlohn – Für einen gesetzlichen Mindestlohn:
http://www.mindestlohn.de
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