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Henricos Fall
Berliner Zeitung zu
Kurt Beck, BILD und „Deutschlands frechsten Arbeitslosen“
20.12.2006 - Berliner
Zeitung - Jochen Arntz - Es war eine ernste Sache, es ist eine ernste
Sache geblieben, und wie es aussieht, wird es noch ernster werden.
Existenziell geradezu. Auch wenn man zwischenzeitlich den Eindruck haben
wollte, hier handele es sich um Boulevardtheater. Ein Arbeitsloser, Henrico
Frank aus Wiesbaden, pöbelt den SPD-Chef Kurt Beck auf einem Weihnachtsmarkt
an, wirft ihm vor, er sei für sein Schicksal und das so vieler anderer
Hartz- IV-Empfänger verantwortlich. Frank ist nicht ganz nüchtern, etwas
ungepflegt. Der Politiker sagt ihm, er solle sich waschen und rasieren, dann
finde er schon einen Job.
Das ist der Moment, in dem Kurt Beck alles falsch macht. Und er wird es in
diesem Fall nie wieder richtig machen können, selbst wenn er dem
Arbeitslosen noch so viele Jobs anbietet. Auch Henrico Frank kann von diesem
Moment an nichts mehr richtig machen. Weil in seinem Leben schon zu viel
falsch gelaufen ist. Und weil er jetzt auch noch die falschen Freunde hat,
die ihm raten, aus dem einen Moment Berühmtheit, den er erhascht hat, die
große Nummer zu machen. Die große Nummer, hinter der er völlig verschwinden
wird, die ihm noch größere Probleme bringen wird, als er ohnehin schon hat.
Kurt Beck hätte erkennen müssen, dass ein womöglich alkoholkranker,
arbeitsunfähiger und entwurzelter Mann nicht dazu taugt, ein Exempel zu
statuieren nach dem Motto: Wer Arbeit sucht, der findet auch welche. Naiv
ist das ohnehin. Aber Beck, oder einer seiner Mitarbeiter, hätte besonders
in diesem Fall sehen müssen, dass ein Mensch wie Henrico Frank nicht mehr
nach den Maßstäben der modernen Arbeitswelt funktioniert. Dass ein Punk von
37 Jahren nicht mit acht Arbeitsangeboten, die man ihm in den Briefkasten
steckt, in die bürgerliche Gesellschaft zurückzuholen ist. Dass man, wenn
man es ernst meint, jemandem wie Henrico Frank eine viel grundsätzlichere
Lebenshilfe bieten muss als die Unterstützung bei der Suche nach einem Job.
Verpflichtet ist man dazu nicht, auch Henrico Frank ist zuallererst selbst
für sein Leben verantwortlich. Aber wenn sich ein Spitzenpolitiker in dieses
Leben einmischt, muss er sich fragen, was er will. Will er zeigen, dass er
den Fall Frank erledigen, managen kann? Tut er es mit den besonderen
Möglichkeiten eines Politikers? Und tut er es - nur aus Sorge um den eigenen
Ruf - in aller Öffentlichkeit, auch wenn er besser als Henrico Frank weiß,
was das für alle Beteiligten bedeutet? Für all das hat Beck sich
entschieden. Er hat getan, was nur ein Ministerpräsident mit seiner Macht
kann. Er hat blitzschnell Jobs am Telefon akquirieren lassen und die
Erfolgsmeldung gleich verbreitet. Seht ihr, geht doch. Alles wird gut.
Dass alles nur noch schlechter werden würde, hätte man sich allerdings
leicht ausrechnen können. Von Anfang an war in dieser Geschichte klar, dass
Kurt Beck mit dem Arbeitslosen Henrico Frank ein Mann gegenüber trat, dem
mit einer Arbeitsstelle allein nicht zu helfen ist, der auch nicht nach Kurt
Becks Maßstäben auszurechnen ist. Der, weil ihm seine Freunde zur
politischen Demonstration raten, die Angebote Becks nicht annimmt, um so die
Geschichte noch größer zu machen. Mit dem seine Freunde Pressekonferenzen
veranstalten, dem sie erzählen, dass er so am besten auf das Leid der
Arbeitslosen aufmerksam machen könne.
Und so wird vor allem Franks eigenes Leid nicht erkannt. Nicht von Kurt Beck
und nicht von den Boulevardzeitungen, die Henrico Frank nun als Freak
vorführen, als Deutschlands frechsten Arbeitsloser verhöhnen. Vielleicht
kürzt man ihm die Unterstützung, die er, um leben zu können, braucht. Er
muss als Beleg dafür herhalten, dass Arbeitslose keine Arbeit wollen. Und
das alles nur, weil Kurt Beck nicht bemerkt hat, dass Henrico Frank ein
Schicksal und kein Fall ist.
Ein Schicksal, das nach diesen grellen Tagen nicht einfacher werden dürfte.
Die Boulevardpresse wird weiterhin so tun, als müsse man Henrico Frank ernst
nehmen. Denn nur so kann man behaupten: "Das macht Millionen Deutsche
richtig sauer." Kurt Beck wird nicht begreifen, dass er das Falsche getan
hat ("Zusage erfüllt"), Henrico Franks Freunde werden ihn weiter vor die
Kameras stellen; und Millionen Deutsche wird es richtig sauer machen, dass
diese Geschichte eines armen Mannes von ihren Geschichten ablenkt. Von den
Geschichten der vier Millionen, die wissen, dass man meistens keine Arbeit
bekommt, wenn man welche sucht. Für sie wäre es ein Glück gewesen, wenn
Henrico Frank und Kurt Beck sich nie getroffen hätten. Und für Henrico Frank
erst recht.
Quelle:
http://www.berlinonline.de/.bin/mark.cgi/http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/meinung/613744.html?keywords=Henrico
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