SOZIALBERICHTE - SOZIALDATEN
 

Abgerutscht
Vor den Berliner Kirchen stehen Bedürftige nach Lebensmitteln an. Viele von ihnen hatten noch vor Kurzem ein gutes Leben

21.12.2006 -  Renate Oschlies – Berliner Zeitung - Es ist Mittwoch, halb elf. Vor der Lankwitzer Dreifaltigkeitskirche im gutbürgerlichen Bezirk Steglitz-Zehlendorf wartet schon eine lange Schlange von Menschen. Um elf Uhr öffnen sich die Kirchentüren. Ein Helfer tritt heraus und verteilt Nummern, die nach dem Losverfahren vergeben werden. Ab zwölf werden die Leute in Zehnergruppen aufgerufen. Die Mitarbeiter der Kirchengemeinde sind zu diesem Verfahren übergegangen, um zu vermeiden, dass die Menschen sich schon frühmorgens bei Wind und Kälte anstellen, um eine der ersten Nummern zu ergattern. Viel genützt hat es nicht.

Etwa 200, jetzt in der Vorweihnachtszeit bis zu 300 Menschen, kommen jeden Mittwochmorgen in die Lankwitzer Kirche, wenn in der Aktion "Mit Laib und Seele" Lebensmittel an Bedürftige verteilt werden. Und bedürftig sind schon lange nicht mehr nur Obdachlose. 42 Berliner Kirchengemeinden beteiligen sich an der Aktion. Alleinerziehende, junge Leute ohne Job, Rentner, Beschäftigte, die von ihrem Mini-Gehalt nicht leben können, arbeitslose Akademiker versorgen sich hier regelmäßig mit Essen. Menschen, die sich bis vor ein paar Jahren nie hätten träumen lassen, "auf so etwas" angewiesen zu sein. Gut ausgebildete Leute, die sich etwas aufgebaut hatten, das sie sicher glaubten. Die mit ihrer Arbeit auch ihren sozialen Status verloren haben, manche sogar ihr Selbstbewusstsein, ihren Lebensmut.

Thomas Wieck (*) verstaut Brot, Obst und Gemüse, Käse, Eier, Kuchen und ein paar Süßigkeiten für die Kinder in zwei Plastikkisten. Dafür bezahlt er einen Euro. Seit einem Jahr kommt er jede Woche hierher. Der ehemalige Siemens-Ingenieur hat früher gut verdient. Sein Job galt als sicher. Als er die Kündigung vor ein paar Jahren erhielt, konnte er es nicht fassen. Der Schock wurde abgemildert, weil ein Ingenieur-Büro ihn kurz darauf einstellte, auf einer sogenannten LKZ-Stelle, das heißt, der Arbeitgeber erhielt für Wieck einen Lohnkostenzuschuss vom Arbeitsamt. Als die Förderung auslief, wurde er auch dort entlassen.

Die ersten Monate sagte sich Thomas Wieck, okay, kümmerst du dich jetzt mal für eine Übergangzeit um die Familie. Wieck hat sechs Kinder zwischen neun und 28, der älteste Sohn ist aus dem Haus. Aus der Übergangszeit wurde ein Dauerzustand, Wieck fand keine Arbeit. Er wurde depressiv. "Das geht ans Seelische", sagt er. "Man fühlt sich minderwertig, als ein Nichts in der Gesellschaft." In der Familie gab es Spannungen. "Das ist ja kein harmonischer Zustand", sagt der Familienvater. Inzwischen verlor auch seine Frau, die als Erzieherin mit Zeitverträgen im Kindergarten arbeitete, ihren Job.

Thomas Wieck bemüht sich, über seine Misere möglichst nicht nachzudenken. Dann sagt er Sätze wie: "Ängstliche Gedanken blockieren nur. Was zählt, ist das Jetzt. Jetzt müssen wir das Beste aus der Situation machen." Die Autosuggestion funktioniert nur bedingt. "Ich verdränge meinen früheren Status heute", räumt der 55-Jährige ein. Die Vorstellung, dass es für ihn dieses relativ gesicherte frühere Leben mit einer festen Arbeit, mit Jahresurlaub, mit Zukunftsplänen niemals mehr geben wird, "würde mich nur wieder depressiv machen", fügt er hinzu. Und er versucht zu verdrängen, dass er verdrängt. Zu seinen alten Kollegen von Siemens hat er keinen Kontakt mehr.

Wiecks Familie lebt jetzt von Hartz IV, nachdem auch sein Versuch, sich selbstständig zu machen, scheiterte. Der Ingenieur wollte spezielle Technik für Foto und Film verkaufen und verleihen. Zuletzt arbeitete er bis zum Sommer für ein paar Monate in einem Kindergarten als Hausmeister. Den Ein-Euro-Job vermittelte das Arbeitsamt dem Techniker. Eine Weiterbildung dagegen nie. Wieck kann das sogar verstehen. Warum sollen sie ihn qualifizieren, wenn ihn hinterher doch keiner mehr einstellt, weil er zu alt ist. Er habe keine Hoffnung mehr auf einen festen Job, sagt er. "Man stumpft einfach ab."

Seine Hoffnungen setzt er auf die Kinder. Die gehen auf eine Waldorff-Schule, und der Ingenieur meint, dass sie dort bestens gebildet und für das Leben gerüstet werden. Er will daran glauben, dass die Jungen trotz Globalisierung eine Chance haben, mit einer guten Ausbildung Arbeit und ein gutes Leben zu finden. Die Kinder für die Zukunft fit zu machen, darin sieht Thomas Wieck jetzt seine Aufgabe. Dafür kommt er jeden Mittwoch hierher, in diese Kirche, zeigt den Hatz-IV-Bescheid, lässt sich registrieren, um die Lebensmittel für die Woche zu erhalten. Er verdrängt die Demütigung. Nur so hat die Familie das Geld für eine Zeitschrift ab und an oder für einen Kinobesuch. Und wenn es am Monatsende dennoch nicht reicht, sagt Wieck, wird die Oma angepumpt. "Irgendwie geht es immer weiter." Vielleicht versucht er es ja doch noch einmal mit der Selbstständigkeit, zusammen mit dem großen Sohn.

Auf ihre Zukunft setzen auch Heiko und Maria(*), beide Mitte zwanzig. Sie sind zum ersten Mal hier zur Armenspeisung und wären am liebsten unsichtbar. Sie haben sich registrieren lassen und warten, dass ihre Nummer aufgerufen wird. Sie waren arbeitslos, holen jetzt einen Schulabschluss nach. Die Unterstützung reichte diesen Monat einfach nicht für Wohnung, Kleidung, Schulbücher und Essen. Heiko will später eine Ausbildung als Tontechniker, Maria als Kauffrau nachholen. Aber ob die beiden dann Ende Zwanzigjährigen eine Lehrstelle finden werden, steht in den Sternen.

Andreas Kaufmann(*) verlässt die Kirche mit zwei Einkaufstüten. Bis vor drei Jahren ging es dem Sozialpädagogen richtig gut. Er hatte einen interessanten, ordentlich bezahlten Job bei der Handwerkskammer zu Köln. Als Projektkoordinator für Jugendarbeit verwaltete er Millionen-Etats, brachte sehr erfolgreich Jugendliche in Ausbildung und Arbeit. So erfolgreich, dass das Arbeitsamt in Bonn ihn abwarb und als Arbeitsvermittler einstellte. Die Arbeit machte ihm Freude, weil er es schaffte, den jungen Leute eine Perspektive zu öffnen. "Ich dachte, hier bleibe ich bis zur Rente", erzählt der 41-Jährige. Dann erhielt er seine Kündigung. Das Amt wurde nach einer Budgetkürzung umstrukturiert. Er musste gehen.

Von einem Tag zum anderen fand sich Andreas Kaufmann auf der anderen Seite des Schreibtisches beim Arbeitsamt wieder. Der Sachbearbeiter machte ihm keine Hoffnung auf einen neuen Job. Er verlangte von ihm, jeden Monat eine Vielzahl von Bewerbungen zu schreiben, forderte den Mann mit der 15-jährigen Arbeitserfahrung auf, sich als Berufseinstieg einen Praktikumsplatz zu suchen. Man droht ihm mit der Kürzung der Bezüge, sollte er die Anordnungen nicht befolgen. Man empfahl ihm, sich als Arbeitsvermittler selbstständig zu machen.

Andreas Kaufmann empfand diese Behandlung als Schikane. "Die verwalten dort mit großem Aufwand uneffektiv ihre eigene Ohnmacht", sagt er über die früheren Berufskollegen. Er bekam Depressionen, wurde krank, litt unter Minderwertigkeitsgefühlen. Er dachte sogar an Selbstmord. Er ließ sich in einer psycho-somatischen Klinik behandeln. Danach ging es ihm besser. Mit seinem Lebensgefährten, einem Arzt, zog er nach Berlin und hoffte, hier einen Job zu finden. Die Beziehung ging auseinander, Arbeit fand er bisher nicht.

Jetzt ist Andreas Kaufmann Hartz-IV-Empfänger. "Ich habe nicht gedacht, dass das Abrutschen so schnell geht", sagt er. Der Mann mit den schwarzen Jeans, schwarzer Jacke, randloser Brille, macht gerade eine Therapie. Er wehrt sich gegen das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Er lässt sich nicht gehen. Er will sich nicht kleinkriegen lassen. Was ihm Angst macht, ist die kalte Atmosphäre im Land, sagt der Sozialarbeiter, weil immer mehr Menschen ausgegrenzt werden.

In der Paul-Gerhardt-Gemeinde in der Lichtenberger Eitelstraße werden Donnerstag nachmittags Lebensmittel verteilt. 390 Haushalte sind hier registriert. Einige kommen aus anderen Bezirken. Sie wollen von den Nachbarn nicht erkannt werden. Geduldig warten die Menschen stundenlang, bis sie an der Reihe sind. Christiane Kramer(*) nimmt jeden Donnerstag extra ihren freien Tag. Seit dem Frühjahr arbeitet die 61-Jährige in einem Call-Center, Früh- und Spätschicht, sechs Tage die Woche für 600 bis 700 Euro im Monat. Dazu kommen 70 Euro Wohngeld. Insgesamt ist das nicht mehr als das Hartz-IV-Geld zuvor. Die Miete für die Zwei-Zimmer-Wohnung beträgt 410 Euro warm. Warm heißt bei Christiane Kramer kalt, denn die Frau dreht die Heizung seit Jahren nicht mehr auf, um Kosten zu sparen. "Ich habe dann im Winter so etwa 14 Grad in in den Räumen, weil die Nachbarwohnungen beheizt werden. Daran kann man sich gewöhnen", sagt sie.

Bis zum Mauerfall arbeitete die Kauffrau im Rechenzentrum eines Baustoffkombinats. Sie wurde noch zu DDR-Zeiten geschieden, hat keinen Anspruch auf Unterhalt von ihrem Ex-Mann. Nach der Wende wurde sie arbeitslos, unterbrochen von ein paar ABM-Stellen. Die zierliche Frau sitzt in dem Lichtenberger Gemeindehaus, vor sich eine Tasse Kaffee und wartet auf ihre Lebensmittel. Ihre Erzählungen - ein einziger Spar-Ratgeber: Fahrradfahren statt BVG, zwei Mal im Jahr zum Arzt (kostenlose Vorsorgeuntersuchung beim Frauen- und beim Zahnarzt), Kleiderpflegetipps für lange Haltbarkeit, Schuhkauf im Second-Hand-Laden, Haare selber schneiden statt Friseur, Nutzung des Badewassers zum Klospülen, Zeitung ein, zwei Tage später vom Nachbarn und so weiter.

Irgendwann müsste die Frau doch mal wütend werden, denkt man. Aber ihr scheint die Kraft dafür abhanden gekommen zu sein. "Mein Leben ist jetzt so", sagt sie. 345 Euro reichen zum Leben, hat das Bundessozialgericht erst Ende November festgestellt und die Hartz-IV-Sätze bestätigt. Was Christiane Kramer nicht verstehen kann: Dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, mit Hartz IV oder Jobs wie ihrem auf das unterste Level katapultiert werden. Bis vor wenigen Monaten hatte sie nicht einmal einen Fernseher, den besorgte ihr die Kirchengemeinde. Am meisten bedrückt die 61-Jährige, dass sie "so abgeschnitten ist vom Leben", kein Konzertbesuch mehr, kein Museum, keine Gäste einladen. Und die Aussicht, dass dieser Kampf um die Existenz nie aufhören wird.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert

Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/seite_3/614003.html