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Leben im Minus
Jeder
siebte Haushalt kann seine Rechnungen nicht bezahlen.
21.12.2006 - Sigrid Kneist - Der Tagesspiegel - Die Verschuldung in
Berlin nimmt weiter zu. Inzwischen gilt jeder siebte Haushalt in der Stadt
als überschuldet. Wie aus dem jetzt vorgelegten Schuldneratlas der
Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervorgeht, können 15,2 Prozent der
Berliner Haushalte ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen. Im
Vorjahr waren es 14,8 Prozent. Damit ist die Quote in Berlin weitaus höher
als im Bundesdurchschnitt (10,7 Prozent). Rund 430 000 Menschen sind davon
betroffen. Auf Länderebene schneidet lediglich Bremen geringfügig schlechter
ab, dort liegt die Überschuldungsquote bei 15,3 Prozent. Die wenigsten
Schuldenprobleme gibt es in Bayern (7,7 Prozent).
Besonders dramatisch ist die Situation in Neukölln (21,7 Prozent). Mehr als
jeder fünfte Haushalt kann dort seine Rechnungen nicht bezahlen. Es folgen
Mitte (19,9 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg (17,18 Prozent).
Creditreform spricht von „kulturellen und politischen Problembezirken“ mit
überdurchschnittlichen Schuldenzuwächsen und bezeichnet diese als
„Schuldenghettos“. Betroffen sind vor allem junge Menschen und Haushalte mit
Kindern. Die wenigsten Schuldner gibt es in Steglitz-Zehlendorf (9,76
Prozent). In Reinickendorf und Treptow-Köpenick gibt es am Stadtrand
ebenfalls Regionen mit sehr niedrigen Anteilen. Nach Angaben von
Creditreform nimmt auch die Zahl der Privatinsolvenzen weiter zu. Mit dem
Verfahren können sich Haushalte von ihren Schulden befreien. Im ersten
Halbjahr haben bereits 3540 Haushalte von dieser Möglichkeit Gebrauch
gemacht (siehe Kasten).
Die Senatssozialverwaltung bezeichnet die hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt
als Hauptursache für die Schuldenproblematik. Auch wenn sie im letzten Jahr
rückläufig war, liegt sie mit einer Quote von 16,1 Prozent immer noch weiter
über dem Bundesdurchschnitt. Hinzu komme, dass in Berlin der Anteil der
Alleinerziehenden mit 44 Prozent ebenfalls wesentlich höher sei. Sprecherin
Regina Kneiding verweist darauf, dass der Senat aufgrund dieser schwierigen
Situation die Finanzierung der 21 Schuldnerberatungsstellen in der Stadt
gesichert und im vergangenen Jahr sogar aufgestockt habe. 5,1 Millionen Euro
stehen dafür im Etat des Landes zur Verfügung. Die Beratungsstellen merken
den Anstieg der Haushalte mit finanziellen Problemen. „Es brummt bei uns“,
sagt Peter Zwegat von der Friedrichshainer Beratungsstelle Dilab. „Der
Anstieg ist seit zwei Jahren enorm.“ Eine der Ursachen sei auch die
Einführung vom Arbeitslosengeld II Anfang 2005. In Berlin leben rund 330 000
Haushalte von Leistungen nach Hartz IV. Zwegat beobachtet, dass auch
überschuldete Haushalte von aggressiver Werbung wie jetzt in der
Vorweihnachtszeit weiter in die Schuldenfalle getrieben werden. Und die
Erhöhung der Mehrwertsteuer im kommenden Jahr veranlasse die Menschen
ebenfalls zu Käufen, die sie sich nicht leisten könnten.
Für den jährlichen Schuldneratlas wertet Creditreform unter anderem die
Zahlen von Privatinsolvenzen, eidesstattliche Versicherungen,
Inkassoverfahren oder Haftanordnungen im Zusammenhang mit Überschuldung aus.
Auf diese Erhebungen, die bis auf sehr kleine Regionen heruntergebrochen
werden, greifen Unternehmen unter anderem bei Standortanalysen für geplante
Investitionen zurück. Aber auch Versandhäuser berücksichtigen die Angaben
über Gebiete, die als finanzschwach gelten. Manche von ihnen liefern etwa
nicht in Gegenden, wo die Zahl der überschuldeten Haushalte
überdurchschnittlich hoch ist.
Grafiken des Tagesspiegel zum Thema
Grafik: Berlins Schulden im Vergleich
Grafik: Berlins Schuldneratlas 2006
Grafik: Der Länderfinanzausgleich
Verbraucherinsolvenz
Mit Plan aus den Schulden
Einigungsversuch
Zunächst steht ein außergerichtlicher Einigungsversuch an. Dabei wird ein
Zahlungsplan erstellt. Wenn ein Gläubiger ablehnt, ist der Versuch
gescheitert.
Verfahren
Das Gericht setzt einen Insolvenzverwalter ein. Sechs Jahre lang muss ein
Schuldner den pfändbaren Teil seines Einkommens an den Treuhänder abführen.
Dieser verteilt das Geld an die Gläubiger. Schulden, die in diesem Zeitraum
nicht zurückgezahlt werden können, werden erlassen. Wenn das Einkommen unter
der Pfändungsgrenze liegt, muss nicht gezahlt werden. Man spricht von einem
„Nullplan“.
Beratungsstellen
Neben den von der Senatssozialverwaltung zugelassenen Stellen können auch
Rechtsanwälte und Steuerberater im direkten Mandatsverhältnis tätig werden.
Beratungsstellen findet man unter
http://www.schuldnerberatung-berlin.de.
Quelle:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/21.12.2006/2977635.asp
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