 |
|
Der Kleinbus, der für bares
Geld sorgt
Ein Beratungsmobil der Wohlfahrtsverbände klärt Hartz
IV-Betroffene auf - über falsche Bescheide und Behördenwillkür. Bericht zur
Aktion des BALZ
28.8.2007 - Von
Inga Helfrich - taz, tageszeitung
Wer vor der Arbeitsagentur in Lichtenberg steht, kommt sich ziemlich klein
vor. Das Gebäude ist ein riesiger Klotz aus Glas. Das soll modern aussehen,
wirkt aber vor allem kühl. Martina Ruhmann ist froh, wieder draußen zu sein.
Gestresst steckt sie sich eine Zigarette an. Jeder Besuch bei der
Arbeitsagentur in der Gotlindestraße kostet die zierliche 41-Jährige Kraft
und Nerven. "Immer muss man hinterherhaken. Man kann sich einfach nicht
darauf verlassen, dass die Bescheide richtig sind."
Heute kann sie ihren Bescheid direkt vor der Arbeitsagentur überprüfen
lassen. Denn der Beratungsbus der Berliner Wohlfahrtsverbände hat vor dem
Gebäude Stellung bezogen, um Arbeitslosengeld II-Empfängern bei dem ganz
normalen Kampf mit der Arbeitsagentur zu helfen. Den weißen Bulli zieren die
bunten Logos der Wohlfahrtsverbände und das Motto der Beratungsaktion "Irren
ist amtlich - Beratung kann helfen". Im Innenraum ist, da wo sich
normalerweise die Rückbänke befinden,eine kleine Sitzecke eingerichtet. Dort
kann man in Ruhe dem Berater seine Fragen stellen. Bei Bedarf wird mit dem
Laptop sofort der Bescheid nachgerechnet oder ein Antrag formuliert.
Vor dem Bulli hat sich mittlerweile eine Schlange von etwa zehn Wartenden
gebildet. Stehtische und Sonnenschirme sind aufgestellt. Die Wartenden
stehen an den Tischen und unterhalten sich. Einige rauchen, trinken Kaffee,
tauschen Anekdoten aus. Martina Ruhmann erzählt von der Sache mit dem
Kohlengeld. Im Februar hatte sie einen Zuschuss beantragt, um Kohlen kaufen
zu können. Der Antrag wurde kürzlich bewilligt, im August. Im Winter mussten
sich Martina Ruhmann und ihr 18-jähriger Sohn warm anziehen. Kohlen konnten
sie jedenfalls keine kaufen.
Ähnlich lange haben die Wohlfahrtsverbände auf das Geld für den Beratungsbus
gewartet. Vor drei Jahren hatten sie es bei der Glücksspirale beantragt, vor
ein paar Wochen wurde der Antrag bewilligt. Nun können alle Beratungsstellen
den Bulli mitsamt Laptop und Stehtischen kostenlos ausleihen, um die
Menschen beraten zu können - dort, wo sie Hilfe brauchen.
Seinen ersten Einsatz hat der Beratungsbus in Sachen Arbeitslosengeld II.
Das Berliner Arbeitslosenzentrum, eine Einrichtung der Diakonie und der
evangelischen Kirche, hat sich den Beratungsbus für drei Wochen geliehen.
Vor allen zwölf Arbeitsagenturen werden Sozialarbeiter jeweils einen
Vormittag lang Arbeitslose zu Hartz IV beraten.
"Die Bescheide sind einfach nicht transparent", sagt Frank Steger, der
Vorsitzende des Berliner Arbeitslosenzentrums. Weil die Rechenwege fehlten,
könnten viele das Ergebnis ihres Bescheids nicht nachvollziehen und gar
nicht beurteilen, ob er korrekt sei.
Martina Ruhmann ist an der Reihe und schildert einem Berater ihr Problem:
Täglich arbeitet sie anderthalb Stunden in einer Kita und bastelt dort mit
den Kindern. Sie verdient sich ein paar Euro dazu, 165 Euro pro Monat. Davon
hat ihr die Arbeitsagentur nun 85 Euro abgezogen. "Das ist doch nicht in
Ordnung, oder?", fragt sie Frank Steger ungläubig. Ist es nicht, sagt
Steger. "Mindestens 100 Euro müssen Ihnen von ihrem Zuverdienst bleiben. Gut
dass Sie nachgefragt haben." Steger erlebt täglich, dass viele Hartz
IV-Empfänger ihre Rechte nicht kennen und fehlerhafte Bescheide einfach
hinnehmen, statt sich beraten zu lassen. Schon seit der Einführung von Hartz
IV gibt es Beratungsstellen. Doch viele Betroffene wissen nichts davon. Auch
darum ist der Bus unterwegs.
Nach Stegers Erfahrung können viele Sachbearbeiter in den Arbeitsagenturen
noch nicht einmal etwas dafür, wenn sie ALG II-Empfänger schlecht beraten
und fehlerhafte Bescheide ausstellen. "Die meisten kennen sich einfach nicht
aus." Nach der Einführung von Hartz IV wurde plötzlich viel mehr Personal
benötigt. "So wurden Leute - zum Beispiel von der Telekom - durch Crashkurse
zu Beratern gemacht, die vorher nichts mit der Thematik zu tun hatten. Viele
sind schlicht überfordert", so Steger.
Vor dem Bulli erzählt Peter Beyer von seinen Erlebnissen mit der
Arbeitsagentur. Für den arbeitslosen LKW-Fahrer stand eine pflichtmäßige
Gesundheitsprüfung an, um seine Fahrerlaubnis zu verlängern. Diese konnte
sich Beyer vom Hartz IV-Satz nicht leisten. "Also bat ich die
Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur um die Übernahme der Kosten. Sie
lehnte dies mit dem Hinweis ab, für so etwas habe man kein Geld und ich
hätte auch keinen Anspruch darauf", erzählt Beyer. So drohte ihm der Entzug
seiner Fahrerlaubnis. Der Weg zurück auf den Arbeitsmarkt wäre versperrt
gewesen. "Bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft riet man mir, derartige
Anträge nie mündlich, sondern nur schriftlich zu stellen. Dann müsse man
nämlich auch eine schriftliche Ablehnung erhalten, gegen die man dann
Widerspruch einlegen kann", sagt Beyer. "Als ich daraufhin die Beraterin
bat, mir die Ablehnung meines Antrags schriftlich zu geben, wurde mir die
Untersuchung sofort bewilligt." Mittlerweile berät Beyer im Kieztreff selbst
ehrenamtlich Hartz IV-Empfänger, die es nicht besser wissen als er damals.
Nach fünf Stunden packen Steger und seine Kollegen ein. Etwa 30
Einzelberatungen haben die Sozialarbeiter an diesem Vormittag durchgeführt.
Morgen wird der Beratungsbus vor einem anderen Jobcenter stehen. "Schön,
dass es doch noch Leute gibt, die einem helfen." Martina Ruhmann lächelt.
Quelle:
http://www.taz.de/index.php?id=berlin-aktuell&art=3808&id=820&cHash=c029ae4234
|
|