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„Hartz IV – Jobmaschine für Anwälte“
ARD-Magazin KONTRASTE über die Arbeit der Jobcenter
ARD-Autor Michael Beyer hat die Aktion „Irren ist amtlich –
Beratung kann helfen!“ des BALZ zum Anlass genommen, bei Jobcentern und
Sozialgerichten nachzufragen. Wie läuft es in der Arbeitsverwaltung knapp
drei Jahre nach der Einführung von Hartz IV? Sein Fazit im Polit-Magazin
KONTRASTE: „Was ursprünglich wie eine Kinderkrankheit aussah, entpuppt sich
als chronisches Problem: Die Behörden und Jobcenter sind überfordert, das
Computersystem spielt nicht mit. Am Ende landen zehntausende Fälle vor den
Gerichten. Darunter leiden Hartz IV - Empfänger. Davon profitieren:
Anwälte.“ Hier sein Bericht.
20.9.2007 – Michael Beyer -
Rundfunk Berlin Brandenburg - Kontraste
Schnell und unkompliziert ein paar tausend Euro verdienen?! Regelmäßig, ohne
viel Aufwand? Kein Problem! Bedingung: Sie sind Rechtsanwalt und Sie kennen
sich im Sozialrecht aus. Dann geht’s Ihnen gut. Denn seit knapp drei Jahren
läuft in Deutschland eine Job-Maschine für Juristen. Die nennt sich Hartz
IV. Seit der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 sind rund 100-tausend
Klagen von Hartz-IV-Empfängern eingereicht worden. Und es werden täglich
mehr. In vielen Fällen bekommen die Kläger Recht - und ihre Anwälte ein
gutes Honorar. Bezahlt von Ihnen, von mir und von vielen anderen – denn das
sind Steuergelder.
Sozialgericht Berlin. Fast täglich wird hier ein neuer Rekord aufgestellt.
Noch nie zuvor gingen in der Poststelle so viele Klagen gegen Hartz-IV
Bescheide ein wie derzeit. Allein im August fast 100 pro Tag. Bedürftige
klagen gegen ihre Jobcenter, im Archiv wird der Platz knapp.
Michael Kanert, Richter Sozialgericht Berlin
„Das ist hier unser Archiv, hier lagern die Hartz IV-Akten. Hier allein
sind schon knapp 10.000 Fälle und wir müssen ständig erweitern, weil allein
seit Januar sind schon wieder so viel neue Verfahren rein gekommen hier ins
Haus. Das ist eine Masse, mit der hat natürlich niemand gerechnet.“
Es herrscht Klageflut durch Hartz IV. Waren es letztes Jahr noch rund 700
Klagen im Monat, sind es jetzt über 1.700. Oft wegen formaler Fehler der
Behörden. Ein Beispiel aus dem Aktenberg.
Michael Kanert, Richter Sozialgericht Berlin
„Das Problem war hier, dass die Behörde sich selber in ihrem Bescheid
verheddert hat und irgendetwas geregelt hat, was sie weder regeln wollte
noch regeln durfte. Also sie haben ihm zuviel Geld abgezogen und müssen ihm
in Wahrheit noch 215 € zahlen, das hat aber keiner mehr gemerkt, weil der
Bescheid so kompliziert ist.“
Chaos Hartz IV 2007. Davon profitieren Rechtsanwälte in ganz Deutschland.
Peter Hartherz aus Hessen zum Beispiel. Er verdient gutes Geld mit
verprellten Kunden der Arbeitsagentur. Sein aktueller Fall: diese Frau, die
nicht erkannt werden möchte.
Seit zwei Jahren kämpft sie um einen rechtmäßigen Bescheid ihres Jobcenters.
Die Behörde vermutete bei ihr Leistungsmissbrauch und sperrte einfach das
Geld für drei Monate. Unzulässig, urteilten Richter. Doch für die Betroffene
hatte das Fehlverhalten ihres Jobcenters dramatische Folgen.
Frau M.
„Das war damals so schlimm, dass wir Anfang Januar von der Caritas
lebensmittelmäßig versorgt werden mussten. Und am 17. Januar dann gab es
endlich den Beschluss, dass wir Recht bekommen haben und die ARGE sollte
sofort an uns Leistungen zahlen. Aber aus dem Sofort wurden wieder fast vier
Wochen.“
2.500 Euro hat Anwalt Peter Hartherz mit dem Fall verdient. Vermeidbare
Verwaltungsfehler.
Peter Hartherz, Rechtsanwalt
„Die Leistungskürzungen wurden vorgenommen ohne Begründung, ohne
nachvollziehbare Begründung, schlicht mit nem Berufen auf den Gesetzestext
ohne zu wissen warum soll der Leistungsbezieher sich wie falsch verhalten
haben. Genauso wurden die dann auch wieder zurückgenommen und wieder neu
beschieden. Hin und her ohne nachvollziehbare Begründungen, zum Schaden der
Leistungsbezieher, zum Schaden des Steuerzahlers zum Schaden des Richters,
der’s entscheiden muss, zum Wohle des Rechtsanwalts.“
Friedberg. Eine Kleinstadt in Hessen. Hier profitiert Anwältin Susanne Lang
von den Patzern der örtlichen Arbeitsagentur. Derzeit besonders häufig:
Untätigkeitsklagen. Bedeutet: sie verklagt Jobcenter, die es einfach nicht
schaffen, Widersprüche von Bedürftigen rechtzeitig zu bearbeiten.
Susanne Lang, Rechtsanwältin
„Das ist ein schöner Klassiker! Die Fälle mach ich gerne. Relativ
schlicht gestrickt und man kommt schnell zu einem Ende und ja.“
400 Euro stellt die Anwältin für jede Untätigkeitsklage in Rechnung – ein
Standardbrief, für einen eindeutigen Behördenfehler. Und sind die Jobcenter
schuld, zahlt der Steuerzahler die Anwaltsgebühr.
So wie bei Martina Lind. Der arbeitslosen Kosmetikerin kürzte das Jobcenter
die Leistungen um 104 Euro pro Monat. Für ein Vierteljahr. Gesamtsumme: 300
Euro. Viel Geld für die allein erziehende Mutter, die sich sofort wehrte.
Martina Lind
„Ich hab Widerspruch eingelegt und bis heute ist keine Antwort gekommen.“
KONTRASTE
„Bis heute nicht?“
Martina Lind
„Bis heute nicht.“
KONTRASTE
„Das sind neun Monate.“
Martina Lind
„Ja.“
Seit Januar liegt der Widerspruch von Frau Lind hier beim örtlichen
Jobcenter. Für ihre Anwältin ist der Fall eindeutig: das Gesetz fordert die
Bearbeitung innerhalb von drei Monaten! Passiert aber neun Monate nichts,
liegt Untätigkeit vor. Susanne Lang hat viele dieser Fälle.
KONTRASTE
„Ein wichtiger Arbeitgeber von Ihnen ist das Jobcenter hier vor Ort?“
Susanne Lang, Rechtsanwältin
„Sicher.“
Die Klagen wegen Untätigkeit landen schließlich hier: beim Sozialgericht
Gießen. Richter Wagner ärgert sich, dass er und seine Mitarbeiter
eingeschaltet werden, bloß weil eine Behörde nicht rechtzeitig über
Widersprüche entscheidet. Die Folge: fast jeder 2. Bedürftige ist hier
erfolgreich.
Karlheinz Wagner, Richter Sozialgericht Gießen
„Ja, also 40 % der Verfahren enden mit einem Erfolg oder Teilerfolg für
die Kläger oder Antragssteller. Das heißt, in 40 % der Verfahren liegen
Fehler der Verwaltung vor.“
KONTRASTE
„Das ist viel, ne?!“
Karl-Heinz Wagner, Richter Sozialgericht Gießen
„Das ist deutlich über dem Durchschnitt der Verfahren, die wir sonst hier
am Sozialgericht verhandeln und entscheiden.“
Ein Jobcenter bummelt, die Allgemeinheit bezahlt Anwälte und
Justizangestellte. Doch warum kam es in Friedberg überhaupt so weit?
Jan Wölfl, Jobkomm Friedberg
„Es ist so, dass die Personalausstattung, die wir in diesem Bereich
vorhatten, offensichtlich nicht ausgereicht hat und dann haben wir
schrittweise aufgestockt, sind damit aber immer dem Widerspruchsaufkommen
hinterhergelaufen.“
Friedberg ist kein Einzelfall. In ganz Deutschland schaffen es Jobcenter
nicht, Widersprüche rechtzeitig zu bearbeiten. So werden massenhaft
Untätigkeitsklagen produziert. Im Schnitt brauchen alle Behörden einen Monat
länger als es das Gesetz will, ein dreiviertel Jahr in Extremfällen. Das
gesteht man bei der Bundesagentur offen ein.
Heinrich Alt, Vorstand Bundesagentur für Arbeit
„Die Beispiele sind mir bekannt, die Beispiele sind nicht tolerierbar.
Wir müssen dort auf einen besseren Bearbeitungsstand kommen und ich mach nur
darauf aufmerksam, wir haben es mit einer sehr komplexen Rechtsmaterie zu
tun.“
Stimmt. Doch die Arbeitsagentur hat alte Probleme: Personalmangel,
unqualifiziertes Personal und eine fehlerhafte Software.
In den Jobcentern arbeiten die Sachbearbeiter mit einem Computerprogramm,
das teilweise falsch rechnet und immer wieder abstürzt. Im Internet machen
sich Sachbearbeiter anonym Luft.
Hier also steckt eine Erklärung für falsche Bescheide, gegen die Betroffene
Widerspruch einlegen.
Fazit: Die Agentur für Arbeit bleibt vorerst die wohl größte Baustelle
Deutschlands. Zum Wohle von Anwälten, zu Lasten der Betroffenen.
Link zu rbb-online mit Video-Beitrag von Michael Beyer
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Quelle:
http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_6448368.html
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