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Senat mahnt Service in Jobcentern an
Lange Wartezeiten, falsche Bescheide: Jeder zweite ALG-II-Empfänger legt
Widerspruch ein
7.12.2007 - Eva Dorothée Schmid - Berliner Zeitung
Hartz-IV-Empfänger haben es in Berlin nicht leicht: Sie müssen oft lange auf
ihre Bescheide warten und wenn sie dann kommen, sind sie häufig falsch.
Knapp 11 000 ALG-II-Empfänger erhalten nur verringerte Bezüge, weil sie von
den Jobcentern mit Sanktionen belegt wurden. Viele fühlen sich ungerecht
behandelt. Nach Angaben der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit wurden
in Berlin seit Jahresbeginn 96 524 Widersprüche eingelegt. Bei 194 456
Hartz-IV-Empfängern ist statistisch also jeder zweite nicht mit dem Bescheid
des Jobcenters einverstanden.
Die Bearbeitungszeiten der Widersprüche sind allerdings lang - und während
das Verfahren läuft, fließen keine Bezüge. Deshalb ziehen viele vor Gericht,
um das Geld zu bekommen, das ihnen zusteht. Das berichten der
Petitionsausschuss des Abgeordnetenhaus sowie Arbeitslosenberatungen. Und
auch Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) sagt: "Die Jobcenter müssen
viel stärker auf Beschwerden eingehen und vor Ort ihren Service und ihr
Management verbessern."
Gregor Hoffmann (CDU), stellvertretender Vorsitzender des
Petitionsausschusses, schätzt, dass ein Viertel aller Beschwerden, die den
Ausschuss erreichen, mit Hartz IV zu tun haben. Die Bandbreite der Probleme
sei dabei groß, die Qualität der Arbeit in den Jobcentern lasse zu wünschen
übrig. Viele Bescheide seien auch im dritten Jahr nach Einführung der
Arbeitsmarktreformen noch fehlerhaft. Zudem sei die Art und Weise, wie die
Jobcenter in Einzelfällen Auskunft gäben, dramatisch. "Da heißt es einfach,
das ist halt so, das machen wir immer so und die Leute bekommen keine
Rechtsbehelfsbelehrung." Die Kunden würden abgebügelt, der rechtliche Rahmen
nicht eingehalten. "Es fehlt am Bewusstsein, dass das Sozialgesetzbuch auch
für die Jobcenter gilt", sagte Hoffmann. Der Abgeordnete sagt, die Probleme
seien Folge unzureichender Qualifikation des Personals, außerdem werde der
versprochene Personalschlüssel nicht eingehalten. Das sieht auch die
Sozialsenatorin so. Sie verweist außerdem darauf, dass immer noch 35 Prozent
der Mitarbeiter in den Jobagenturen befristet angestellt seien. "Das ist
schlecht für die Motivation."
Auch dem Berliner Arbeitslosenzentrum (BALZ) sind Probleme bekannt. Berater
Thomas Rosumek-Mathes sagt, dass die Jobcenter die gesetzliche
Bearbeitungszeit von drei Monaten für Widersprüche häufig nicht einhalten.
Laut Arbeitsagentur liegt sie derzeit bei 3,2 Monaten - im Schnitt. "Wir
wissen, dass in einem Jobcenter im Osten Berlins der Aktenstapel auf 500
Widersprüche angewachsen ist, das heißt, die Mitarbeiter haben keine Chance,
den abzuarbeiten", sagt Rosumek-Mathes. Es werde bevorzug das erledigt, was
schon vor Gericht sei oder wo mit einem Gerichtsverfahren gedroht werde,
weil damit Kosten verbunden seien. "Die normalen Widersprüche bleiben oft
liegen." Vielen Arbeitslosen bliebe dann nur der Gang zu Gericht. Dort wird
ihnen zwar auch nicht schnell geholfen, denn die Sozialgerichte sind
überlastet, allerdings sind die Erfolgsaussichten groß: In 40 Prozent der
Fälle erzielten die Kläger laut Sozialgericht zumindest einen Teilerfolg.
Rat und Hilfe bekommen Arbeitslose zum Beispiel beim BALZ der Diakonie. Dem
kürzte der Bezirk Mitte allerdings kurzfristig den Sachkostenzuschuss in
Höhe von 5 600 Euro pro Jahr. "Das bedeutet, dass wir beim Personal kürzen
müssen", sagt Rosumek-Mathes. Dabei brauche man im Streitfall eine Stelle,
die die Sicht der Betroffenen vertrete.
Vivian H. bekommt
ihr Geld
Eine gute Nachricht gibt es aber. Der Fall der 42-jährigen Vivian H., die
wie berichtet siebeneinhalb Wochen lang kein ALG II bekommen hat, obwohl sie
alle Anträge ordnungsgemäß stellte, ist gelöst. Die Berliner Zeitung hatte
ihren Fall recherchiert und ihn Rainer Rinner, Geschäftsführer des
Jobcenters Mitte, vorgelegt. Er sorgte gestern dafür, dass die Frau 670 Euro
Vorschuss für die Zahlung ihrer Miete und für Lebensmittel bekam. Der Rest
des ihr zustehenden Geldes wird nächste Woche überwiesen.
Quelle:
Berliner Zeitung
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