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Berliner Armenküche
Finanzsenator
Sarrazin verhöhnt Arbeitslose mit seinem Hartz-IV-Menü
13.2.2008 – Von Heiner Geißler – Der Tagesspiegel
Bei Finanzministern und Senatoren sind naturgemäß die Zeitgenossen am
meisten geachtet, die viel arbeiten und das große Geld verdienen. Nicht
minder werden diejenigen respektiert, die nichts arbeiten, aber so viel
Kapital angehäuft haben, dass sie von den Erträgen ordentlich Steuern
bezahlen können. Wenig Achtung genießen die Landsleute, die auch nicht
arbeiten, aber kein Kapital und keinen Job besitzen und deshalb für den
Staat zur fiskalischen Belastung und zum reinen Kostenfaktor, den es zu
minimieren gilt, geworden sind.
Das herausragendste Exemplar dieser „nichtsnutzigen Gattung“ ist in
Deutschland der Hartz-IV-Empfänger. Der Finanzsenator der Berliner Koalition
– von den Enkeln August Bebels und Karl Liebknechts getragen –, der
Sozialdemokrat Thilo Sarrazin, hat dementsprechend die Konsequenz gezogen
und diesen miserablen Stadtbürgern einen Speiseplan erstellt, der zeigen
soll, wie man als Arbeitsloser von 4,25 Euro am Tag leben kann – das ist der
Regelsatz für die Ernährung. Sogar „schon für 3,76 Euro am Tag gibt es drei
volle Mahlzeiten“, meint der Senator, der 10 000 Euro Monatsgehalt bezieht.
Davon kann er jeden Tag mühelos beim Italiener essen und abends einen halben
Liter Rotwein trinken. Das ist auch nicht zu beanstanden. Aber seine
Tagesrationen für Arbeitslose sind eine beispiellose Frechheit. Die
Sarrazin’sche Tagesportion Nr. 1 (Frühstück: 2 Brötchen, 25 g Marmelade, 20
g Butter, 1 Scheibe Käse, 1 Apfel; Mittag: 100 g Hack, 125 g Spaghetti, 200
g Tomatensoße; Abendessen: 130 g Leberkäse, 200 g Kartoffelsalat) hat,
großzügig berechnet nach dem klassischen GU-Klevers-Kalorienkompass, 1710
Kalorien, 1357 kcal hat das von Sarrazin empfohlene Tagesmenü Nr. 2 und 1594
kcal die Nr. 3.
Mit dieser vom Finanzsenator als ausreichend befundenen Kalorienmenge von
durchschnittlich 1550 kcal täglich leiden selbst die untätigsten
Arbeitslosen nach vier Wochen an Unterernährung. Nach den Referenzwerten der
Deutschen Gesellschaft für Ernährung beträgt die notwendige Energiezufuhr
für Männer zwischen 25 und 50 Jahren bei ausschließlich sitzender Tätigkeit
schon 2400 kcal; läuft der betreffende Mensch noch herum, z. B. zur
Jobagentur, braucht er leicht über 3000 kcal. Im Übrigen verschweigt der
Senator souverän, dass Kinder nur für 2,28 Euro etwas zum Essen bekommen
dürfen. Das Deutsche Forschungsinstitut für Kinderernährung hat aber
ausgerechnet, dass für einen Jugendlichen 4,70 Euro das Minimum sind. Die
Fehler, Irreführungen und defizitären Argumente des Senators schreien zum
Himmel und werfen ein schlechtes Licht auf die Berliner Finanzverwaltung.
Man darf auch fragen, ob ein Berliner Regierungsmitglied mit „Geiz ist
geil“-Parolen arme Leute folgenlos verhöhnen darf. Nach Angaben des
Deutschen Landkreistages sind 7,4 Millionen Menschen von Hartz IV betroffen.
Wenn Massenarmut in Wut und Aggression umschlägt, tragen auch politische
Provokateure wie Sarrazin dafür die Verantwortung.
Der Autor ist CDU-Politiker und war von 1982 bis 1985 Bundesminister für
Jugend, Familie und Gesundheit.
Macht Sarrazin satt,
Artikel in der BZ vom 8.2.2008 mit dem „Speiseplan“ des Senators
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