680 Zwangsumzüge wegen Hartz IV in Berlin
Zahl geringer als erwartet - Mietsteigerungen könnten Problem verschärfen
4.3.2008 - Von Jens Anker –
Berliner Morgenpost
Im
vergangenen Jahr mussten 680 Hartz-IV-Empfänger in Berlin umziehen, weil sie
in zu teuren Wohnungen lebten. Das geht aus der Antwort auf eine
Parlamentsanfrage der Grünen-Abgeordneten Ramona Pop hervor. Die meisten
Umzüge fanden in Tempelhof-Schöneberg statt (175), gefolgt von Reinickendorf
(121) und Neukölln (119). Die wenigsten Umzüge wurden in Marzahn-Hellersdorf
(5) und Treptow-Köpenick (6) registriert.
Damit blieb die befürchtete Umzugskarawane von Hartz-IV-Empfängern bislang
aus. In den meisten Fällen konnten die Mieten auf anderem Weg gesenkt
werden, oder die zuständigen Jobcenter wandten die Härtefallregelungen an
und ließen die Mieter in ihren Wohnungen. Insgesamt stellten die Behörden
bei 11 400 Bedarfsgemeinschaften überhöhte Mieten fest. 8700
Hartz-IV-Empfänger wurden zur Kostensenkung aufgefordert, in knapp 6000
Fällen konnte eine Kostensenkung durch den Vermieter erreicht werden, heißt
es in der Antwort weiter.
Nicht so dramatisch wie befürchtet
"Es ist nicht so dramatisch
wie befürchtet", sagt die Arbeitsmarktexpertin Pop, warnt aber vor einer
drohenden Umzugswelle in kommenden Jahren. "Die Anstiegsquoten bei den
Mieten sind dramatisch, es rollt ein Problem auf uns zu." Nach Angaben der
Arbeitsverwaltung sind die Mieten von Hartz-IV-Empfängern zwischen 2005 und
2007 um mehr als zehn Prozent gestiegen. Sollte das in den kommenden Jahren
wegen steigender Energiekosten weiter der Fall sein, drohen sehr viel mehr
Hartz-IV-Empfänger die Mietobergrenzen zu überschreiten. Im vergangenen Jahr
gab das Land durchschnittlich 346 Euro Miete für Hartz-IV-Empfänger aus. Für
einen Ein-Personen-Haushalt sieht das Sozialgesetzbuch II als Höchstsatz
360 Euro vor, bevor die Mieter zur Kostensenkung aufgefordert werden.
Die Grünen sehen nun die städtischen Wohngesellschaften in der Pflicht, ihre
Bestände energetisch zu sanieren, um einen weiteren Mietanstieg durch
steigende Öl-, Gas- und Strompreise zu vermeiden. "Es sind die
Energiekosten, die bei den Mietsteigerungen durchschlagen", sagt Pop. "Wo
der Staat Eigentümer ist, sollte das Land eingreifen."
Sanierung senkt die Nebenkosten
Berlin liegt bei den
Wohnkosten für Hartz-IV-Empfänger nach Angaben der Sozialverwaltung
bundesweit auf Rang vier, hinter Nordrhein-Westfalen (357 Euro), dem
Saarland (348) und Hessen (346,16). Am geringsten sind die Kosten für die
Unterkunft in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern (jeweils 320 Euro), Thüringen
und Brandenburg (jeweils 322 Euro).
Seit Längerem warnen Sozialexperten vor einem unnötig starken Anstieg der
Mietnebenkosten wegen steigender Energiekosten. Den Hintergrund dafür bildet
das sogenannte Mieter-Vermieter-Dilemma. Während Vermieter in der Regel kein
Interesse an einer teuren Sanierung ihrer Häuser haben, weil sie die
Nebenkosten auf die Mieter umlegen können, sind Mieter an einer
energetischen Sanierung interessiert, da sie die Energiekosten zu tragen
haben. Die Grünen fordern deswegen die Regierungskoalition auf, die
städtischen Wohnungen zu sanieren, um das Dilemma zu lösen.
In
Berlin leben derzeit 346 000 Bedarfsgemeinschaften und 615 000 Personen von
Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (unter anderem Hartz IV). Während die
Zahl der Bedarfsgemeinschaften sank, stieg die Zahl der Personen, die Hilfen
zum Lebensunterhalt benötigen.
Vier Milliarden Sozialausgaben
Allein für die Unterkunft
muss das Land Berlin jährlich 1,4 Milliarden Euro aufbringen. 400 Millionen
Euro davon übernimmt der Bund. Mit rund vier Milliarden Euro sind die
Sozialausgaben in Berlin der größte Kostenfaktor des Haushalts. Danach folgt
die Bildung (zwei Milliarden).
Mehr:
Entwicklung des Arbeitslosengeldes II in Berlin,
Antwort des Senats auf die Anfrage der Abgeordneten Ramona Pop vom
18-.1.2008
(Download, PDF, 66 KB)
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