 |
|
Erkläre mir Hartz IV
Die 75 000. Klage beim Berliner Sozialgericht. Im Jobcenter sollen jetzt „Bescheiderklärer“
weiterhelfen
11.9.2009 - Barbara Weitzel – Berliner Zeitung
Es ist leider keine "Realsatire", wie es Rechtsanwältin Ines Mroß
bezeichnet. Eine Hartz-IV-Empfängerin, nennen wir sie Frau K., ist mit ihrem
Bescheid nicht einverstanden oder versteht ihn nicht. Frau K. ruft die
Service-Hotline des Jobcenters an. Sie gerät an einen Mitarbeiter, der ihr
nicht helfen kann, da er mit dem konkreten Fall nicht vertraut ist. Frau K.
geht zur Widerspruchsstelle. Da hängt ein Schild: "Keine Rechtsauskünfte zu
Leistungsbescheiden, wenden Sie sich an die Leistungsabteilung." Dort
bekommt Frau K. die Auskunft, für Widerspruchsverfahren sei man nicht
zuständig, sie solle sich an die Widerspruchsstelle wenden. Fazit: Frau K.
wendet sich an einen Anwalt.
Die Folgen sind bekannt: Gestern ging die 75 000. Klage gegen einen
Hartz-IV-Bescheid beim Berliner Sozialgericht ein. Tendenz steigend. "Die
Lage ist und bleibt angespannt", sagte die Präsidentin des Sozialgerichts,
Sabine Schudoma. "Ein Rekord, der uns nicht erfreut" kommentierte
Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD), "das Vertrauen der Bürger ist
dahin". Um dieses Vertrauen wiederherzustellen, rief die Justizverwaltung
einen Arbeitskreis zusammen. Vertreter des Bundestags, des
Abgeordnetenhauses, der Justiz und der Jobcenter überlegten gemeinsam, wie
man der Klageflut Einhalt gebieten könne.
Die meisten Widersprüche beziehen sich auf die sogenannte Angemessenheit der
Wohnraumgröße, gefolgt von Protest oder Unverständnis bei der
Einkommensanrechnung. In beiden Fällen liegt die Ursache des Übels nach
Ansicht der Beteiligten im Gesetz selbst, das zu viel
Interpretationsspielraum lasse. Eine Arbeitsgruppe der
Justizministerkonferenz wird deshalb bis November das Gesetz auf mögliche
Vereinfachungen überprüfen. Das zweite Hauptproblem ist die komplizierte
Form der nicht selten 20 Seiten starken Bescheide. "Wer ein amtliches
Schreiben nicht versteht, wird misstrauisch und geht dagegen an, erklärte
Ines Mroß. Damit die Betroffenen nicht gleich den juristischen Weg
beschreiten, setzt die Bundesagentur jetzt auf eine Art Ombudsmann im
Jobcenter: Ein sogenannter "Bescheiderklärer" soll die Aufgabe übernehmen,
mit der das Personal überlastet ist. Er erklärt dem Bürger die Berechnungen
und Begründungen. Bescheiderklärer gibt es bisher in drei der 12 Berliner
Jobcenter: in Mitte, Zehlendorf-Steglitz und Charlottenburg-Wilmersdorf. Die
scheinbar naheliegendste Lösung, nämlich die Bescheide auch für
Nichtjuristen verständlich zu verfassen, spielte indes noch keine Rolle. Der
Grund: "Einen Bescheid rechtssicher und bürgerfreundlich zu formulieren ist
bei der derzeitigen Rechtslage schier unmöglich", sagte der Regionalleiter
der Bundesagentur für Arbeit, Jens Regg.
Ein weiteres Ergebnis ist der dringende Bedarf an qualifiziertem Personal in
den Jobcentern, vor allem im juristischen Bereich. Da viele befristete
Stellen in feste Posten umgewandelt wurden, seien die meisten Berliner
Jobcenter dafür gut gerüstet, sagte Regg. Die Erstellung eines Bescheids
dauere hier im Schnitt acht Tage. "Manchmal hätte sich der Sachbearbeiter
aber vielleicht besser zwölf Tage Zeit genommen", räumte Regg mit Blick auf
die Klageflut ein. Aber jetzt gibt es ja Bescheiderklärer.
Viel Papier
Zwei Millionen Hartz-IV-Bescheide werden in Berlin jedes Jahr ausgestellt.
Alle sechs Monate muss der Bedarf neu berechnet werden. Ergeben sich in der
Zwischenzeit familiäre oder finanzielle Veränderungen beim Empfänger, ist
eine zusätzliche Neuberechnung erforderlich.
105 000 Widersprüche gegen Leistungsbescheide werden im Schnitt jährlich
eingereicht. Während diese Zahl seit Jahren konstant ist, steigt die Zahl
der Fälle, die in ein Gerichtsverfahren münden.
75 000 Klagen wurden seit 2005 beim Sozialgericht Berlin eingereicht.
Derzeit sind 17 000 Verfahren anhängig. Die Wahrscheinlichkeit, ein solches
Verfahren zu gewinnen, liegt bei 52 Prozent.
Für dieses Jahr erwartet das Sozialgericht Berlin 25 400 Klagen. Das würde
einen Anstieg um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeuten.
Zahl der Hartz-IV-Verfahren vor dem
Berliner Sozialgericht
2005 6 900
2006 11 900
2007 18 300
2008 21 500
2009* 25 400
*Prognose
Quelle: Berliner Zeitung
|
|