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PROTESTE GEGEN HARTZ | ||
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Protest braucht das Land Kommentar zur Demonstration gegen Sozialkahlschlag am 1. November 3.11.2003
- Frank Steger - Berliner Arbeitslosenzentrum e. V.
- 100.000 Menschen haben am Samstag in Berlin demonstriert. Gegen
Sozialkahlschlag. Es waren deutlich mehr als erwartet. Der Vorsitzende des
Deutschen Gewerkschaftsbundes hatte noch zwei Tage vor der Demo erklärt,
dass er solche Protestveranstaltungen zurzeit nicht als sonderlich
aussichtsreich einschätze. Die Spitze der Grünen glaubte gar, es sich
leisten zu können, die Kritiker der Agenda 2010 in die linke
Sektiererecke zu drängen. Nur politisch Desorientierte würden am 1.
November auf der Straße sein, so die Grünen-Vorsitzende Angelika Beer.
Und dann das! Es
verwundert nicht, dass die eigentliche Nachricht des Tages nicht die
100.000 waren, die demonstrierten, sondern dass niemand mit soviel
Beteiligung gerechnet hatte. Selbst die Initiatoren und unterstützenden
Organisationen und Initiativen waren ja überrascht. Sicher
haben wir, die zu der Demo aufriefen, jetzt allen Grund zur Freude. Aber
ebenso sicher ist, dass da ein Problem existiert, wenn angesichts dessen,
was die Agenda 2010 für Millionen von Menschen bedeutet, der Protest von
100.000 Menschen für alle unerwartet kommt. Wenn
Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel von heute behauptet, Umfragen
zeigten, dass die Mehrheit der Bundesbürger verstanden hätte und zu Veränderungen,
das heißt zur Absenkung ihres Lebensniveaus, bereit sei, dann ist das
eine - freundlich gesagt - kühne These. Schließlich hat die
Bundesregierung für ihre so genannte "Reform-Politik" nie eine
Legitimation durch Wahlen erhalten. Vor der letzten Bundestagswahl hatten
SPD und Grüne noch das Gegenteil dessen versprochen, was jetzt exekutiert
wird. Hätten die Leute gewusst, dass der Kanzler am 14. März die Agenda
2010 verkünden wird, wäre Schröder wohl kaum Kanzler geworden. Dass
beide Regierungsparteien die Agenda 2010 auf ihren Parteitagen mit überwältigender
Mehrheit abgenickt haben, ändert daran nichts: es gibt keine Mehrheit in
der Bevölkerung für die Agenda-Politik. Warum
liegt die SPD in den Umfragen bei 26 Prozent? Warum wird sie zurzeit bei
allen Wahlen in einer Weise abgestraft, die beispiellos ist in der
Geschichte der Bundesrepublik? Allein in Brandenburg hat sie gegenüber
1998 1,1 Millionen Stimmen verloren - von 1,7 Millionen auf 600.000. Weil
sie ihre Politik nicht vermitteln kann?, wie die Medien jetzt meinen. Weil
die sie die Begründungszusammenhänge vernachlässigt? Das wäre zu
einfach und würde nicht erklären, dass auch die Union in Bayern wie in
Brandenburg nur prozentual zugelegt, aber keine Stimmen hinzu gewonnen
hat. In
Brandenburg haben wir vor wenigen Wochen ein politisches Erdbeben größten
Ausmaßes erlebt. Es kam keineswegs unerwartet. Es ist schon erstaunlich,
dass dem Brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck erst
nach der Wahl aufgegangen ist, dass die Kanzlerpolitik für den Osten
Deutschlands Unheil bringt. Die Brandenburgerinnen und Brandenburger haben
es vorher gewusst. Also
ist es in der Tat erstaunlich, dass nicht eine Million Menschen auf der
Straße waren? Ja - und nein.
Der
Vorsitzende eines Arbeitslosenzentrum hat keine politischen Ratschläge zu
erteilen. Aber etwas wünschen, das darf er sich schon. Ich
wünsche mir, dass diejenigen, die diese Demonstration getragen haben,
sich jetzt nicht mit der Zahl der 100.000 zufrieden geben. Es muss das
Ziel sein, die Mehrheit der Bevölkerung zu erreichen. Schon deshalb, weil
die Mehrheit erreichbar ist. Zu Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden,
ja sogar zu den Kirchen müssen Brücken gebaut werden. Sie müssen
aufgefordert werden, beim Protest mitzumachen, und sollten keineswegs in
besserwisserischer Weise denunziert werden. Und
ich wünsche mir, dass diejenigen, die nach den schwachen Protesten im Mai
dieses Jahres verzagt sind, wieder Mut gewinnen. Die Agenda-Politik ist nämlich
nicht alternativlos. Was die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen
verschlechtert, kann nicht richtig sein. Dieses Land braucht die
Erneuerung, aber eine, in der die Würde des Menschen im Mittelpunkt
steht. Dafür treten offensichtlich mehr Menschen ein als erwartet. Aber
es sind noch nicht genug. Es werden demnächst - hoffentlich - noch viele
mehr sein. |
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