INFOS ARBEITSMARKT UND SOZIALPOLITIK
 
2003 stärkster Rückgang der Beschäftigung seit zehn Jahren
Fast 400 000 Arbeitsplätze gingen verloren

7.1.2004 - Von Ulf Brychcy - Süddeutsche Zeitung - Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland nimmt immer mehr ab. Im vergangenen Jahr sind 392 000 Stellen verschwunden und damit so viele wie seit dem Rezessionsjahr 1993 nicht mehr. Konjunkturexperten erwarten in diesem Jahr eine Trendwende. Ein neuer Beschäftigungsboom ist jedoch unwahrscheinlich.

Die hartnäckige, seit drei Jahren anhaltende Konjunkturflaute schlägt nun auch mit voller Wucht auf die Zahl der Arbeitsplätze durch. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gingen im abgelaufenen Jahr nur noch durchschnittlich 38,3 Millionen Menschen einer Erwerbstätigkeit nach. Das waren 392 000 Stellen oder ein Prozent weniger als im Jahr 2002. Der Rückgang ist alarmierend. Zum einen hat es zuletzt vor elf Jahren einen stärkeren Stellenabbau gegeben. Damals herrschte Rezession, die Beschäftigtenzahl brach um 1,4 Prozent oder 513 000 ein. Zum anderen hatte sich bereits 2002 und damit erstmals seit 1997 die Erwerbstätigkeit verringert, und zwar um 240 000 Personen oder 0,6 Prozent.

Hinter den Zahlen verbergen sich zudem erhebliche Strukturveränderungen. So sind erstmals seit der Wiedervereinigung die Stellen im Dienstleistungssektor (beispielsweise Gastronomie, Transportgewerbe, Friseure) rückläufig. Die meisten Arbeitsplätze gingen jedoch, wie schon im Jahr zuvor, in der Industrie und am Bau verloren. In der Baubranche wurde jeder 20. Arbeitsplatz gestrichen, in der Industrie wurde jede 40. Stelle gekappt.

Das Bundeswirtschaftsministerium nannte als Ursache die „ausgeprägte Konjunkturschwäche“ der vergangenen Jahre. Allerdings bemühte sich das Ministerium, auf eine positive Entwicklung hinzuweisen: „Erfreulich ist der Anstieg der Selbstständigen, einschließlich mithelfender Familienangehöriger.“ Tatsächlich ist nach den Erhebungen der Statistiker die Zahl der Selbstständigen im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent auf nahezu 4,2 Millionen gestiegen. Ein Grund dürften die „Ich-AGs“ sein. Arbeitslose, die sich selbstständig machen, erhalten Existenzgründungs-Zuschüsse. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet deshalb, dass es auch in diesem Jahr mehr Selbstständige geben wird.

Der starke Rückgang der Beschäftigung ließ jedoch nicht im gleichen maße die Zahl der Arbeitslosen hochschnellen. Der Grund: Viele Menschen sind 2003 wegen der Reformen am Arbeitsmarkt aus der offiziellen Arbeitslosen-Statistik herausgefallen. Der Chef der Bundesagentur (einst: Bundesanstalt) für Arbeit, Florian Gerster, wird deshalb am Donnerstag verhältnismäßig günstige Arbeitsmarktdaten nennen können. Nach Einschätzung von Experten dürfte die Zahl der Arbeitslosen im Dezember gegenüber dem November zwar um 120 000 bis 140 000 gestiegen sein. Die Zunahme ist aber deutlich geringer als im Jahr zuvor. Die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit dürfte sogar leicht rückläufig sein.

Diese bescheidene Trendwende dürfte sich in diesem Jahr fortsetzen. Reale Effekte stehen nach Auffassung des DIW aber noch nicht dahinter. Die Ökonomen erwarten zwar, dass die Zahl der Arbeitslosen um durchschnittlich 60 000 Personen auf knapp 4,32 Millionen sinken wird. „Dies liegt vor allem an statistischen Bereinigungen“, sagte DIW-Präsident Klaus Zimmermann . Mit einer echten Trendwende am Arbeitsmarkt sei frühestens im Sommer 2005 zu rechnen. Zieht die Konjunktur wie erwartet an, dann werde es im nächsten Jahr rund 150 000 neue Stellen geben.

Das Wirtschaftswachstum ist nach Auffassung des DIW weiterhin zu schwach, um für einen spürbaren Beschäftigungszuwachs zu sorgen. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 1,4 Prozent steigen. „Der Aufschwung ist ein Auf ohne Schwung, ohne Saft und Kraft“, sagte Zimmermann. Daran könne auch die vorgezogenen Steuerreform nichts ändern, die für den Privatkonsum zu wenig Impulse bringe. Ostdeutschland werde wieder einmal deutlich zurück hinken; hier dürfte die Wirtschaftsleistung lediglich um ein Prozent anziehen. Der für den Osten zuständige Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) hat eine neue Strategie für den Aufbau Ost verlangt. Trotz der Milliardenhilfe trete die Wirtschaft in den neuen Ländern seit 1997 auf der Stelle.

Quelle:  http://www.sueddeutsche.de/sz/wirtschaft/red-artikel964/